September / Oktober 2016

Ernst Barlach, Fries der Lauschenden (1935)
Ernst Barlach Haus Hamburg; Foto: Ernst Barlach Lizenzverwaltung Ratzeburg

Ernst Barlachs „Fries der Lauschenden“ ist ein stummer Protest gegen jene, deren Parolen andere Stimmen überdröhnen und vielen Menschen das Gefühl geben, hier wisse jemand, was richtig, bzw. falsch ist, und sie so der Mühe eigenen Nachdenkens entheben.
Die Figuren von links (in Klammern das Jahr der Fertigstellung):
Der Empfindsame (1935)
Der Gläubige (1934)
Die Erwartende (1935)
Der Blinde (1935)
Die Tänzerin (/1931)
Der Wanderer (1930)
Die Träumende (1931)
Der Begnadete (1935)
Die Pilgerin (1931)

Empfindsam sein, etwas/jemanden erwarten, unterwegs sein, träumen ... – all diese Lebensäußerungen und Befindlichkeiten sind auf je besondere Weise verbunden mit dem „Lauschen“.
Eine, die „erwartet“, lauscht etwa darauf, ob die Schritte des Geliebten schon zu hören sind; der Blinde ist in besonderer Weise darauf angewiesen, sein Gehör zu schulen, und hat deshalb gelernt, auf diese Weise Dinge zu registrieren, die andere nicht wahrnehmen können; der Wanderer – trifft ihn nicht, wenn er sein Ziel erreicht hat, der Ruf, aufzubrechen nach neuen Ufern? Der Begnadete erfährt, dass Glück und Sinn nicht Ergebnis eigener Anstrengung sind, sondern Geschenk.
Im Lauschen, im Offen-Sein für den/das Andere ist der Mensch ganz bei sich selbst. Leben als Gabe aber drängt auf Weitergabe, verwirklicht sich im Dialog, lädt also ein zum „Lauschen“.
Diese Erkenntnis steht im Zentrum von Delps philosophischem Denken. Er weiß: Der Verzicht auf Fragen, Suchen, Lauschen bringt „den Menschen ab von seiner Höhe, er ermöglicht die unmenschliche Erscheinung der Masse, der Herde, des getriebenen und verführten Menschen, des ewigen Objektes fremder Entscheidungen und Vergewaltigungen. Es bleibt der Mensch, der von sich und seinen Weiten und Größen keine Ahnung hat und schließlich doch nur eine Karikatur, einen Restbestand des eigentlichen Menschen darstellt.“

(Aus: Der Mensch vor sich selbst. In: Ges. Schr. Bd. II S. 491 f)

August 2016

Entscheidende Ereignisse des Lebens von Alfred Delp fielen auf Marienfeste. Am 15. August 1944, dem Fest der „Aufnahme Marias in den Himmel“, fanden Berliner Frauen heraus, wo Delp nach seiner Verhaftung in München in Berlin gefangen gehalten wurde. Durch diesen Text soll erinnert werden an den Einsatz dieser tapferen Frauen, die Delp und anderen Gestapo-Häftlingen unter Gefährdung des eigenen Lebens unendlich viel Gutes getan haben und so teilhaben an deren Sendung.

MARIANNE  HAPIG (1894 – 1973; Foto: privat)) und ihre Freundin DR. MARIANNE  PÜNDER (1898 – 1980) haben entscheidend dazu beigetragen, dass Alfred Delps Briefe und ein Großteil der im Gefängnis Tegel aufgezeichneten Reflexionen und Meditationen nach draußen gelangen konnten und ihre Empfänger erreichten.

Marianne Hapig, Absolventin der „Sozialen Frauenschule“, arbeitete nach ihrem Dienst als Fürsorgerin in der Verwaltung des „roten“ Stadtbezirks Neukölln als Leiterin des Sozialen Dienstes im Alexianer-Krankenhaus  St.Hedwig-Klinik in der  Großen Hamburger Straße in Berlin (Mitte). Sie kannte Delp seit 1939, als sie ihn während eines Praktikums, das dieser in der Vorbereitung auf den angestrebten Dienst als Militärgeistlicher in der St.Hedwig-Klinik absolvierte, betreute.

In unmittelbarer Nachbarschaft zur Klinik stand das Jüdische Altersheim, das ab 1942 als Sammellager für die Transporte von Juden nach Osten diente. Es gelang ihr, eine Reihe von ihnen vor der Deportation zu bewahren, indem Sie sie in der Klinik unterbrachte, sie als Haushaltshilfe an Patienten vermittelte und mit Mut und Findigkeit ein regelrechtes Rettungsnetz organisierte.

Die in Zusammenhang mit dem 20. Juli 1944 in der Lehrter Straße 3 und in Tegel Inhaftierten betreute sie, gemeinsam mit Dr. Pünder (Dozentin an der Sozialen Frauenschule) und anderen Frauen, durch Besorgen der Wäsche, Information und Betreuung der Angehörigen. und dem Heraus- und Hereinschmuggeln von Nachrichten.

Am 5. Januar 1945, wenige Tage vor Beginn des Prozesses vor dem Volksgerichtshof, schrieb Alfred Delp an die „beiden Mariannen“:

„Ihr guten Leute, herzliches Vergelt`s Gott für Eure findige Güte. Hoffentlich finden wir auch bald die Ecke, wohin es hinausgeht. Jetzt kommt die Nagelprobe des Glaubens. Einerseits die volle Freiheit, Gott nichts zu verweigern. Andererseits die Zusage, dass das gläubige Vertrauen Gewalt über ihn hat. Meinen Haftbefehl mit den schönen Sachen darauf hab ich seit Wochen nicht mehr angeschaut. Die ganze Angelegenheit gehört Gott. Und es sind nicht nur alte Geschichten, dass dem gläubigen Vertrauen Gott sich nicht verweigert. Trotz des Ernstes der Lage bin ich von daher immer wieder getröstet. Bitte mitglauben und mitbeten, immer wieder. Wir beten hier zu vieren, zwei Katholiken und zwei Protestanten * und glauben an die Wunder des Herrgotts.
Bitte die drei beiliegenden Briefe nach Lampertheim besorgen und zwar an den Pfarrer Heinrich Schäfer, Römerstraße 43, da ich nicht weiß, inwieweit Post an die Angehörigen direkt eingesehen ist. Schreiben Sie dem Pfarrer, was los ist. Es ist auch ein kurzer Brief an ihn dabei.

Danke für den noch besorgten Messwein. Ich kann nicht viel davon in der Zelle haben, immer nur ein kleines Fläschchen. Alles Gute! Vergelt`s Gott – und Auf Wiedersehen! Ich hoffe, Samstag und Sonntag noch zum Schreiben zu kommen.

Ihr dankbarer                                                                                                      

Max**"

* Alfred Delp, Eugen Gerstenmaier, Nikolaus Groß, Helmuth James von Moltke
** Von Delp gelegentlich benutzter Deckname

Juli 2016

Alfred Delp wurde am 28. Juli 1944 nach der Frühmesse in St. Georg in München- Bogenhausen im Rahmen der Verhaftungsorgie nach dem gescheiterten Attentat auf Hitler vom 20. Juli 1944 von der Gestapo verhaftet, obwohl er mit dem Attentat selbst nichts zu tun hatte.
In seinem Abschiedsbrief an P. Theo Hoffmann SJ, bis zum Verbot der Zeitschrift Schriftleiter der „STIMMEN  DER  ZEIT“, führt er noch einmal in aller Kürze die Gründe auf, die ihn in den Widerstand geführt und ihm das Todesurteil eingebracht haben:

„Durch die Not des Prozesses hat das Leben ja ein gutes Thema bekommen, für das sich sterben und leben lässt. ….

  1. Glauben an eine deutsche Zukunft nach einer möglichen Niederlage (`mit uns stirbt der letzte Deutsche: NSDAP – deutsches Reich – deutsches Volk sterben gemeinsam`: Freisler)
  2. Unvereinbarbeit von NS und Christentum. Deswegen waren unsere Gedanken falsch und gefährlich, weil sie von da ausgingen. (Die Moltke vorgeworfene `Rechristianisierungstendenz` ist ein Anschlag gegen Deutschland.)
  3. Der Orden ist eine Gefahr und der Jesuit ist ein Schuft, wir sind grundsätzlich Feinde Deutschlands.)
  4. Die katholische Lehre von der `iustitua socialis` als Grundlage für einen kommenden Sozialismus.“

(Ges: Schr. IV 136)

Juni 2016

„Deutschland – Missionsland“ – der 5. Juni, Fest des hl. Bonifatius (673 – 754/55), des „Apostels der Deutschen“, scheint der rechte Tag zu sein, dieses aufrüttelnde Wort Alfred Delps ins Gedächtnis zu rufen. Der Jesuit traf diese Feststellung, als er im Schatten des Domes zu Fulda, also in unmittelbarer Nachbarschaft zum Grab des hl. Bonifatius im Jahr 1941 als bischöflich beauftragter Mitarbeiter für Männerseelsorge über „Vertrauen zur Kirche“ referierte. Damals erfuhr er heftige Widerrede. Der erste Katholikentag nach dem Krieg 1948 in Mainz, dem Bischofssitz des Bonifatius, griff dieses Wort zwar auf, sah aber – mit wenigen Ausnahmen – die gebotene Therapie zur Überwindung dieses Zustandes in der Intensivierung und Perfektionierung der herkömmlichen Seelsorgemethoden, wie Volksmissionen, Standesseelsorge usw.
Bonifatius ging es bei spektakulären Aktionen wie dem Fällen der Donareiche nahe Geismar in Nordhessen um den Nachweis der Überlegenheit des Christengottes gegenüber den bisher verehrten Göttern, also um eine Art Machtprobe. Dahinter stand als eigentliches Anliegen die möglichst eindrucksvolle Dokumentation, dass der Glaube an diesen Christengott weitaus hilfreicher und  wirksamer sei beim anstehenden Aufbau einer neuen Ordnung auf allen Ebenen des Lebens, als die alten Vorstellungen dies vermochten. Der Missionsbischof aus Britannien hatte es also mit Menschen zu tun, die es für den christlichen Glauben zu gewinnen galt.

Delps Diagnose hingegen bezog sich auf Menschen, die zwar – zumindest auf dem Papier – mehrheitlich noch Christen waren; im Bewusstsein vieler aber hatte sich der „Herrgott“ zu einer blutleeren Idee verflüchtigt, und Jesus Christus als Zeuge Gottes in dieser Welt war als konkrete Gestalt nicht mehr präsent; als Heiland und Tröster privater Nöte führte er ein Nischendasein. Wie konnte es dazu kommen?

In Delps Analyse sind bei vielen die Organe, die für Gott und sein Wort, also die Wirklichkeit des Transzendenten empfänglich sind, im Zug der Neuzeit verkümmert. Delps Freund und Gesprächspartner Karl Rahner erkennt gar einen Trend auf einen Bewusstseinszustand hin, demzufolge Menschen nicht bloß Gott vergessen haben, sondern „vergessen, dass sie vergessen haben“. Es liegt auf der Hand, dass die überkommenen Methoden der Verkündigung hier nicht mehr greifen.

Gefragt ist das Zeugnis jener Menschen, die aus der Begegnung mit Gott ihr Leben deuten und gestalten und so, ganz unspektakulär, zeigen, dass denen, die zuerst das Reich Gottes und seine Gerechtigkeit suchen, alles andere dazugegeben wird (Mt 6, 33). Diesen Dienst sind die Christen den Menschen dieser Zeit schuldig. Denn „es gehört zum Wesen des Menschen, über sich hinaus zu müssen, sonst wird er ein geistiger Bourgeois, dickblütig und stickig und schwerfällig und behäbig.“

(Ges. Schr. IV S. 170)

Zum „Marienmonat“ Mai 2016

 
Zum Fest der Darstellung des Herrn, dem 2. Februar 2016, zugleich Gedenktag des Lebensopfers Alfred Delps 1945 in der Hinrichtungsstätte Plötzensee, hielt Prof. Dr. Karlheinz Neufeld SJ (Osnabrück) in der Mannheimer Jesuitenkirche die Festpredigt. Dabei interpretierte er – mit mehrfachem Hinweis auf die neben dem Ambo stehende Figur der Immaculata („Silberne Madonna“ von 1747) – eine Predigt, in der Alfred Delp 1941 die „Unbefleckte Empfängnis“ Marias als „Frohe Botschaft“ für Menschen von heute erschlossen hatte:

„Ganz klar ging es Delp um die Berufung des Menschen. Was das für ihn persönlich hieß, konnte er nicht voraussehen, und doch gelang es ihm, das eigene Schicksal zwischen dem 8. Dezember und dem 2. Februar samt seiner Entscheidung auf den Punkt zu bringen. Er war
einer, der gestalten, der den Zeitgenossen etwas mitgeben wollte, das über den Moment hinausreicht, die Enge der geistigen Lage aufbricht und nicht nur in Ängsten und unter Druck durchzuhalten erlaubt, sondern übergreifende Hoffnung und Zuversicht weckt. Er selbst verlor darüber sein Leben und bezeugte das Leben, dem kein Tod mehr etwas anhaben kann.

Delp fasst so die Wahrheit Mariens als Geheimnis Gottes mit dem Menschen, der vom ersten Augenblick seiner Existenz an angesprochen ist durch Gott den Herrn; aus einer Ordnung von innen heraus wird er schließlich – unter Gottes Führung - unendliche Erfüllung all seiner Träume erfahren - aus Gnade und Segen. Delp regt an: `Fragen Sie sich selbst, ob das nicht die Antworten sind in unser Leben hinein, ob das nicht die große Kunst ist, die wir wieder lernen müssen: uns segnen zu lassen von einem Herrn über uns, der eine eigene Liebe und einen eigenen Segen und eine eigene Würde für jeden von uns hat.`
Wir sollen wissen, dass kein Leben, auch das verschwiegenste nicht und auch das vergessenste nicht und auch das hilfloseste nicht, ohne Sinn ist, weil über jedem ein Segen des Herrn liegen kann und, so es echt und offen ist, ein Segen des Herrn liegen wird.
Wie oft hat Delp diese Gedanken vorgetragen! Immer wieder variiert er sie und schaut sie von neuen Seiten aus an und stellt sie dar. In der Gestalt Mariens, wie sie den Vielen vertraut ist, konkretisiert er sie und schafft so selbst den Menschen unserer Zeit einen Zugang zum Geheimnis Gottes mit dem Menschen und übt ihn in einen guten und seligen Umgang damit ein.
Delps Schicksal zeigt, wie wenig hier nur Gedanken und Einfälle und gefällige Formulierungen gemeint sind. Am Leben Mariens wird ablesbar, wie - Gelübde am 8. Dezember und Tod am 2. Februar - das in Wirklichkeit eingelöst wird. Viele wurden damals Opfer, nur wenige hatten wie Delp die Gnade, den Sinn zu durchschauen und zu bezeugen. Er nahm es auf sich auch für diese Vielen und gab so auch ihnen eine Stimme.“

 

(Ges. Schr. III 207 f)

April 2016

 
Erhalten ist das Manuskript einer Predigt, in der Alfred Delp zu Ostern 1943 in der Pfarrei Heilig Blut die Konsequenzen aufzeigte, die Christen aus dem Osterereignis ziehen sollten, aus jenem Tag, von dem es heißt: „Dies ist der Tag, den der Herrgott gemacht hat!“.(Ps 117, 24)
Sie gelten auch uns, den Christen von heute, angesichts unüberwindbar scheinender Strukturen des Bösen. Diesen gegenüber gilt es einen „Wert“ zu bezeugen, der den Christen anvertraut ist . durch das Geschehen an Ostern:

"`Ich kann alles in dem, der mich stärkt !` Das ist die Botschaft der inneren Stärkung, dass man in der wandelnden Gnade des Herrgotts, in diesem wunderbaren Ostergeschenk des siebenfachen Stromes [gemeint sind die sieben Gaben des Gottesgeistes] wachsen kann über die eigene Dimension hinaus. Wenn wir heute nichts mehr einzusetzen hätten als uns selber, dann stünden wir bald verbraucht da und am Ende; denn die Dinge sind stärker geworden als wir, das Dasein geht seine eigenen Gesetze in seiner Not und Abgründigkeit. Dies das eine: Mensch der großen Zuversicht. Als solcher Mensch müssen wir aus dieser Osternacht und diesen Ostertagen herauskommen und von diesen Tatsachen her aufgerichtet werden. Dazu das andere, wie es in der Epistel heißt: expurgate vetus fermentum [Entfernt den alten Sauerteig!]. Weg mit den alten Dingen: dieser ungeheuere Mut zur ewigen sittlichen Erneuerung, zum ewigen Hochstreben, zur Wanderung: dass der Mensch das Recht und die Pflicht und die Kraft hat zu neuem Ausgreifen, niemals im Leben etwas als endgültig anzusehen hat, bevor die letzte Stunde schlägt und bevor der Mensch Aug in Auge vor diesem Herrgott steht. Der Mensch, der sich selbst etwas zutraut und innerlich lebendig ist und innerlich immer am Wandern und Wandeln ist. Weg mit dem, was müde geworden ist! Ad Deum, qui laetificat iuventutem meam. [Zu Gott, der meine Jugend froh macht.] Von daher, von diesem Ostertag her sind wir verschwistert mit dieser ewigen Jugend, sind wir Erfüller dessen, was die Menschheit geträumt hat, vom Jubel des Menschen, der steht, der sich selber hat, der Ordnung und Kraft hat und dem Leben sich gewachsen weiß."

(Ges. Schr. III 207 f)

März 2016

 
Die Gefängniszelle in der  Haftanstalt Tegel, in der Delp seinem Prozess vor dem Volksgericht entgegen sah, war für ihn – trotz aller Wehmut, von der er seinen Freunden hin und wieder Mitteilung machte - zum Ort intensiver Gotteserfahrung geworden. Im Gespräch mit dem gekreuzigten  Christus ging ihm immer wieder neu auf, dass Gott selbst die  äußerste Not des menschlichen Daseins auf sich genommen hat.
Pater Theo Schmidkonz S J (Bad Krumbach),  der als junger Mann Delp noch persönlich kennen gelernt hatte, stellt im folgenden Text aus Delps Kassibern Gebete und Gedanken zusammen, denen dieser vor seinem Kruzifix nachsann:
„Ich sitze da vor dem Herrn
und schaue ihn nur fragend an.
Was soll ich jetzt tun?
Soll ich weiter hoffen trotz der Aussichtslosigkeit?
Soll ich mich ganz loslassen
und  die Abschiede vollziehen,
mich ganz auf den Galgen einstellen?
Ich bete dauernd um Erleuchtung und Führung.“

„Alles sammelt sich in das Eine:
Mensch, lass dich los zu deinem Gott hin,
und du wirst  dich selbst wieder haben.“

„Lasst uns dem Leben trauen,
weil wir es nicht allein zu leben haben,
sondern Gott es mit uns lebt.“

„Wenn durch einen Menschen
ein wenig mehr Liebe und Güte,
ein wenig mehr Licht und Wahrheit in der Welt war,
hat sein Leben einen Sinn gehabt.“

Auffallend häufig spricht Delp im Kerker von der
„guten Hand Gottes“. Teile seiner Abschiedsbriefe
lesen sich wie Gebete der Hingabe an Gott.
Es ist alles in Gottes guter Hand.
„Und diese Hand muss man verehren
und ihr die Treue halten,
auch wenn sie einmal hart zufasst.
Der Herrgott hat die Sache
absolut in seine Hand genommen.
In seine Freiheit und Güte
sei alles gestellt und gegeben.
Auf jeden Fall muss ich mich innerlich
gehörig loslassen und mich hergeben.
Es ist Zeit der Aussaat, nicht der Ernte.
Gott sät. Um das eine will ich mich mühen:
wenigstens als fruchtbares Saatkorn in die Erde zu fallen.
Und in des Herrgotts Hand.
Ich verlasse mich ganz auf den Herrn.“

Februar 2016

Alfred Delps Leben und Sterben im Licht der Marienfeste

Am frühen Nachmittag des 2. Februar 1945, vor 70 Jahren, beendete der in Mannheim geborene Jesuit Alfred Delp sein junges Leben am Galgen des Hinrichtungsschuppens der Haftanstalt Plötzensee. An diesem Tag feiert die Kirche das Fest der Darstellung des Herrn im Tempel, früher meist als „Mariä Lichtmess“ bezeichnet. Es fällt auf, dass Marienfeste im Leben Delps eine wichtige Rolle spielen. Eine mit Delp befreundete Künstlerin, Ruth Kiener-Flamm, hat die Kuppelfenster der Gedenkkapelle in Lampertheim, Wohnort der Familie Delp, nach diesen Motiven gestaltet.

Delps Geburt am 15. September 1907 im Wöchnerinnenasyl Mannheim (C 7) fällt auf das Fest der Sieben Schmerzen Marias. Im Taufeintrag der „Oberen Pfarrei“ ist lediglich die Mutter genannt. Delps Eltern waren zur Zeit der Geburt nicht verheiratet. Die Zeugung des Kindes war Zeichen des Protestes gegen die, die diese Ehe zu verhindern trachteten: Beide Familien bekannten sich zu einem besonders strengen Flügel ihrer Konfession (mütterlicherseits: katholisch; väterlicherseits: prostestantisch). So steht dieses Leben – für beide, das Kind und seine Eltern – von Beginn an im Zeichen einer Liebe, die, folgerichtig gelebt, in heftige Konflikte führt. – Die Künstlerin stellt Jesu Lebensanfang auf den Hintergrund des herodianischen Kindermordes und feiert ihn als Alternative zu einer allein den Herrschenden dienenden Macht.

Am 15. August 1944, dem Fest der leiblichen Aufnahme Marias in den Himmel (sh. Fenster), erfährt eine Berliner Frauengruppe um Marianne Hapig und Dr. Marianne Pünder von der Gestapo-Haft Delps. Das Handeln der Frauen an den Gefangenen wird transparent auf Güte und Menschenfreundlichkeit Gottes, die in Marias Aufnahme in die ewige Gemeinschaft mit ihm als Zukunft aller aufscheint.

8. Dezember 1944:Fest der Unbefleckten Empfängnis Mariens. Im Bund Neudeutschland wurde dieser Tag als „Bundesfest“ begangen. Eine Ansprache Delps zu diesem Fest beginnt als Lobpreis der „Immaculata“: „Das Wort meint mehr als die negative Feststellung, dass keine Spur von Makel dieser Frau nahen durfte. Das Wort sagt, dass da eine Welt für sich, eigener Ordnung und eigener Fülle vorhanden ist.“ In Maria zeigt sich die Schöpfung so, wie Gott sie von Anfang an gewollt hat. Sie ist die erste Frucht der in Christus geschenkten Erlösung, Hoffnung für alle. Ihre Antwort auf diese Erwählung: „Ancilla Domini: Dienstmagd des Herrn … Darin liegt das Geheimnis ihrer Bewährung und Treue, dass sie bereit und willig die langen Jahre hindurch die kleine, unbekannte Dienstmagd des Herrn war.“ Von daher kommt dem Fest für Delps persönlichen Lebensentwurf besondere Bedeutung zu: „Gottes Lastkarren zu ziehen“ – das ist auch die mit dem Ordensgelübde verbundene Berufung. Delp sah einen Fingerzeig Gottes darin, dass er in der Haft gerade am Fest der Immaculata vor seinem von der Ordensleitung beauftragten Freund und Mitbruder Franz von Tattenbach die endgültigen Gelübde ablegen durfte - Bestätigung seiner Berufung zum „Dienst an Gottes Lastkarren“. – Das Bild im Fenster deutet den Gestus der Gelübdeleistung an.

2. Februar 1945 – Fest der „Darstellung des Herrn“ („Mariae Lichtmess“). In einer Predigt zum Fest der Darstellung Jesu im Tempel vom 2. Februar 1941 verwies Delp auf den biblischen Hintergrund, einen archaischen Brauch in Israel: Loskauf der männlichen Erstgeburt, die eigentlich dem Tempeldienst geweiht sein sollte, durch ein Opfer. Dass dieser Loskauf keine Entlassung aus dem Dienst Jahwes ist, und dieser Dienst den Einsatz des ganzen Lebens fordern kann, bezeugen Delps Weg und Opfer, im Fenster der Kapelle angedeutet durch Weizenkörner: In die Erde gesenkt bringen sie sterbend reiche Frucht.

Oktober 2015

 
 

Dieses Foto aus dem Archiv der Deutschen Jesuiten zeigt den Ordensrosenkranz Alfred Delps.
  

Einem Anwärter für den Ordenseintritt wird beim Aufnahmeakt ein Rosenkranz überreicht, der ihn im Idealfall sein Leben hindurch begleitet. Viktor von Gostomski, inhaftiert wegen des Verteilens  gegen Hitler gerichteter Flugblätter in Chemnitz, war in der Justizvollzugsanstalt Berlin-Plötzensee Kalfaktor des katholischen Gefängnisseelsorgers Peter Buchholz; von diesem war er unmittelbar nach Delps Hinrichtung am 2. Februar 1945 beauftragt worden, in der Zelle, in der  der Jesuit dem Gang zum Galgen entgegen sah, dessen Hinterlassenschaft zu sichern. Gostmoski fand eine zerbrochene Brille, ein Exemplar der „Nachfolge Christi“ des Thomas von Kempen und – diesen Rosenkranz.
Delp hat sich selten zum Rosenkranzgebet geäußert. Bekannt ist, dass er als Seelsorger Besucher, die ihn in persönlichen Nöten um ein Gespräch baten, am Ende oft dazu einlud, mit ihm gemeinsam ein Gesätz des Rosenkranzes zu beten. Seine theologische Sicht dieser im Mittelalter geborenen Frömmigkeitsform legt er dar im Rahmen seiner in der Haft niedergeschriebenen Gedanken zur Herz-Jesu-Litanei. Er ordnet sie ein in seine durch und durch adventlich bestimmte Spiritualität: Er bedenkt – gemeinsam mit Maria – das Kommen des Gottessohnes in die Welt und seinen irdischen Weg in Solidarität mit dem Menschen und der gesamten Schöpfung bis in die letzte Not des Daseins. Die Führung durch die Mutter Jesu soll uns helfen, unserer eigenen Unfähigkeit, die Tiefe des göttlichen Tuns um des Menschen willen auszuloten, ein wenig aufzuhelfen. Aus diesem Ansatz heraus ist im Mittelalter die Rosenkranzfrömmigkeit im Kontext einer allmählich sich entwickelnden Laienspiritualität entstanden.
Delps „letzter Begleiter“ kam über Gostomski und den Gefängnispfarrer an eine Berliner Frauengruppe, die Delps Haft mit praktischer Hilfe und Gebet begleitet hatte, und von dort über Münchner Freunde und die Familie Kreuser aus Delps Pfarrei Heilg Blut an seine Mutter, die während der Haft ihres Sohnes bei dieser Familie zu Gast war. Als Karl Adolf Kreuser, Delps Schüler, in den Jesuitenorden eintrat, schenkte Frau Delp dem jungen Jesuiten den Rosenkranz. Heute hütet das Archiv diesen Schatz. Möge der Gedanke an seine Geschichte und Spiritualität dem Leser Anlass zu Zuversicht im Glauben sein.  

September 2015

Am 19. Oktober 1981 veöffentlichte der SPIEGEL ein Gespräch mit Heinrich Böll. Damals hatte, auf dem Höhepunkt der Flucht der vietnamesischen Boat People, die CAP ANAMUR ihre Rettungsaktionen aufgenommen und sich mit dem Einwand auseinander zu setzen, das Schiff rette vor allem einmal die, die in der Lage seien, die Schlepper zu bezahlen, also jene, die unter dem bisherigen Regime ihre Geschäfte gemacht hätten. Dazu Heinrich Böll: „Ich würde auch einen ertrinkenden Zuhälter retten. Ich würde sogar einen ertrinkenden Zuhältermillionär retten, weil ich mir nicht anmaßen kann, jemanden ertrinken zu lassen.”

Ein solcher Satz ist die äußerste Konsequenz aus dem Kanon der in der momentanen Debatte um Flüchtlingspolitik häufig zitierten Werte wie Würde und Rechte der Person und der Soldarität. Nach der Überzeugung Alfred Delps, der Opfer eines politischen Systems wurde, das diese Werte mit Füßen tritt, konnte dieses nur hochkommen und sich an der Macht halten, weil bei einem Großteil der nominell christlichen Gesellschaft die transzendente Verankerung dieser Werte verblasst war. Sich gedanklich diesem Zusammenhang zu stellen, mag auch in der heutigen Debatte um eine humane und dauerhafte Lösung der Flüchtlingsfrage hilfreich sein.

Delp in seiner 1944/45 in der Haft niedergeschriebenen Betrachtung zur Vater - Unser – Bitte „Zu uns komme dein Reich”:

„Diese Bitte verlangt ... die Bereitschaft zu einer Revolution, das heißt die Bereitschaft zu einer sozialen Umwälzung, damit eine Ordnung wieder wird, die es dem Menschen ermöglicht, menschgemäß und somit gottesoffen und gottbereit zu leben. Das frömmste Gebet kann leicht zur Blasphemie werden, wenn es unter Abfindung mit Zuständen oder gar unter ihrer Förderung gebetet wird, die den Menschen töten, ihn gottunfähig machen, ihn notwendig an seinen geistigen und sittlichen und religiösen Fähigkeiten verkümmern lassen. Diese Bitte will Großes von Gott, ja letztlich ihn selbst. Sie entlässt den Menschen aber zugleich in eine große Verantwortung. Von deren Übernahme und Erfüllung hängt es ab, ob es sich wirklich um ein Gebet oder um bloßes Gerede handelt.”  (Ges. Schr. IV S. 232 f.)

Genau besehen: Die zur Lösung der Flüchtlingsfrage geforderte „Revolution” besteht darin, in der Hinwendung zu Gott zur rechten Ordnung zurück zu finden, eingeleitet mit der Frage, was denn für uns heute – die Einzelnen und die Gesellschaft – konkret den höchsten Rang in der Rangfolge der Werte einnimmt.

August 2015

In der Mitte des Monats August feiert die katholische Kirche das Fest der „leiblichen Aufnahme Marias in den Himmel“. Manchmal ergibt sich, oft ohne Ankündigung, die Notwendigkeit, sich über die eigene Vorstellung zum „Himmel“ Rechenschaft abzulegen, sei es, dass man danach gefragt wird, sei es, dass ein Ereignis, z. B. der Tod eines geliebten Menschen, eine Antwort fordert.
Alfred Delp fand sich mit seinen Freunden in der Haft in Tegel unausweichlich mit dieser Thematik konfrontiert. In seinen Betrachtungen zum „Vater Unser“ finden sich die folgenden Gedanken:

„Die Welt des personalen Gottes ist der Himmel. Also das, was der Mensch als seines Lebens größte Beglückung und Erfüllung empfindet. Das ist nicht zuerst ein Raum oder eine Zeit oder ein `Aeon` usw. Das ist zuerst Gott und die erfahrene Begegnung mit ihm. Wer Gott erfährt, ist im Himmel. Die Erfahrung Gottes bricht unsere Grenzen und unsere Daseinsweise, wenn und wo sie uns jetzt schon geschenkt wird …“
„Der personale Gott ist der Gott des Lebens. Erst im Dialog mit ihm tritt der Mensch in seinen wirklichen Lebensraum ein. Hier lernt der Mensch die Grundwerte seines Wesens: Anbetung, Ehrfurcht, Liebe, Vertrauen. Alles im Leben, was unterhalb dieses Dialogs bleibt, es mag mit noch so viel Eifer und Ernst und Hingabe unternommen sein, bleibt unfertig, auf die Dauer unmenschlich. Die Anbetung der Weg des Menschen auch zu sich.“

(Ges. Schr. 4, S. 228)

Juni 2015

Jede Woche lese ich die Kirchenzeitung der Diözese, in der meine Familie wohnt. Dabei spare ich die Leserbriefseite nicht aus, obwohl ich mir die Lektüre oft geradezu aufzwingen muss. Was Christenmenschen sich zuweilen an Lieblosigkeit und Borniertheit gegenseitig bescheinigen, ist zutiefst erschreckend.

Die kontinuierliche Lektüre über Jahre hinweg macht zudem überdeutlich, wie verherrend sich der Reformstau selbst sekundärer Problemfelder  in der Kirche auswirkt. Wenn nicht alles täuscht, beginnt die vor Jahrzehnten heftig geführte Debatte und die „Handkommunioion” von neuem.

In besonderem Maße bedenklich finde ich, dass jede Ausgabe besagter Zeitschrift voll ist von Berichten über „pastorale” Konzepte. Dabei geht fast völlig unter, dass „Pastoral” nur einen Sinn hat, wenn sie mit „Theologie” einhergeht. Diese aber tritt völlig in den Hintergrund.
Alfred Delp sah diesen Zustand nerannahen. Er sprach seine Sorge offen aus und erfuhr heftige Kritik.

Die Worte in einem kurzen Text, seinem „Vermächtnis” zum Thema Kirche, gelten heute mehr denn Je:
„Die christliche Idee ist keine der führenden und gestaltenden Ideen dieses Jahrhunderts. Immer noch liegt der ausgeplünderte Mensch am Weg. Soll der Fremdling ihn noch einmal aufheben? Man muss, glaube ich, den Satz sehr ernst nehmen: was gegenwärtig die Kirche beunruhigt und bedrängt, ist der Mensch. Der Mensch außen, zu dem wir keinen Weg mehr haben und der uns nicht mehr glaubt. Und der Mensch innen [in der Kirche], der sich selbst nicht glaubt, weil er zu wenig Liebe erlebt und gelebt hat.  Man soll deshalb keine großen Reformreden halten und großen Reformprogramme entwerfen, sondern sich an die Bildung der christlichen Persönlichkeit begeben und zugleich sich rüsten, der ungeheuren Not des Menschen helfend und heilend zu begegnen.”     

(Ges. Schr. Bd. IV S. 321 f.)

Mai 2015

Denkstättenkuratorium NS Dokumentation :
Widmung von vier Häusern im Campusbereich der Hochschulen Weingarten am 8. Mai 2015

In den nächsten Jahren sollen insgesamt 20 Häuser im Hochschulcampus Weingarten Menschen des Widerstandes gegen das NS-Regime gewidmet werden. Am ersten Widmungstermin, dem 8. Mai 2015, wird diese Aktion an einer Gruppe von vier Häusern am Eugen-Bolz-Weg  vollzogen. Es geht dabei um Eugen Bolz, Edith Stein, Dietrich Bonhoeffer und Alfred Delp. Der Vorstand der Alfred-Delp-Gesellschaft Mannheim e. V. war vom „Denkstättenkuratorium NS Dokumentation“ eingeladen, Person und Wirken Delps in diesem Rahmen kurz zu würdigen.

Sehr geehrte Damen und Herrn,
durch die Häuserwidmung hier am Eugen-Bolz-Weg in Weingarten entsteht eine in der Realität nie da gewesene höchst interessante Nachbarschaft: Eugen Bolz, Edith Stein, Dietrich Bonhoeffer und Alfred Delp treffen sich zum ersten Mal. Allerdings: Schon zu  Lebzeiten standen sie in verschiedener  Hinsicht miteinander in Verbindung. Gut dazu passen würde, schon wegen Herkunft und beruflicher Ausrichtung, Eugen Gerstenmaier: Delp hat in der gemeinsamen Haftzeit in Tegel mit ihm so manches theologische Streitgespräch geführt; doch dieser war ja, wie sie wissen, mit einem milderen Urteil gerade noch davon gekommen.
Mit Eugen Bolz verband Delp das Interesse, die wesentlichen Aspekte der katholischen Soziallehre in die Konzeption der Neuordnung Deutschlands einzubringen. Bolz war dazu ausersehen, in der Mannschaft des Neuaufbaus nach dem Krieg an der Umsetzung dieser Konzeption mitzuwirken. Als Bolz, gemeinsam mit Moltke, am 23. Januar 1945 zum Galgen geführt worden war, waren dies Delps letzte Freunde, die zum Tod verurteilt und hingerichtet worden waren, und Delp blieb als einziger der verschworenen Gemeinschaft „im Eisen“ zurück.
Am gleichen Tag, am 23. Januar 1945, erreichte ihn die Nachricht von der Geburt des Alfred Sebastian Kessler in München. Die Eltern, die in Delps Pfarrei Heilig Blut wohnten und mit ihm befreundet waren, hatten ihn, noch in Freiheit, gebeten das Kind zu taufen. Doch nun, nach Delps Verhaftung, war dieser Plan zunichte geworden. Die Patenschaft zu übernehmen – das allerdings war immer noch möglich. „Tod und Leben grüßen sich“ – so Delp in einem Kassiber zum Zusammentreffen dieser Ereignisse an seine Mitarbeiterin Luise Oestreicher: „Das ist unser Leben!“ Delp setzt auf das Leben und schreibt, einem regionalen Brauch folgend, seinem Patenkind einen Brief. Er wünscht ihm, aus seiner Erfahrung im Gefängnis schöpfend, „helle Augen“, die erkennen, dass in allem Dunkel Gott unser Leben mit uns lebt; dazu „gute Lungen“ und die „Freiheit von Schwindel“, um dieser einsamen, schmalen Höhe der Begegnung mit Gott fähig zu sein.
Mit Edith Stein verbindet Delp die Tatsache, dass er, als erster katholischer Theologe sich an die kritische Betrachtung der Philosophie Heideggers heran wagt. Wenn auch die Freiburger Philosophin den Verdacht hegt, Delp habe Heidegger missverstanden, Hochachtung verdient er allemal, weil er sich aus dem Schneckenhaus der erlernten neuscholastischen Denkart heraus traut und den großen Meister fordert, der bei vielen einen Kultstatus innehat.
Bonhoeffer und Delp wussten voneinander, sind sich aber nie begegnet. Ihre gemeinsame Zeit in der Haftanstalt Tegel belief sich gerade mal auf eine Woche. Ihr schriftlicher Nachlass aus der Haftzeit macht beide gemeinsam zu prophetischen Brüdern getrennter Kirchen: Ein aufmerksamer Leser, der die in der Haft entstandenen und den Haftbedingungen abgetrotzten Briefe, Meditationen und Entwürfe liest, wird entdecken, wie sich bei beiden die Bilder von der Treue Gottes und seinem Heil verdichten immer ähnlicher werden. Dies gilt in dem Maß, in dem sich die Aussichten auf Errettung und erneute Berufung zur Mitarbeit an der fälligen Neuordnung verdüstern. Es  liegt nahe, dies zu erklären durch beiden geschenkte authentische Erfahrungen. Hier bastelt sich keiner mehr sein Heil zusammen, sondern Gott selbst spricht zu ihnen.
Eng verbunden damit ist die Erkenntnis, dass die in Christus geschenkte entscheidende Rettungstat Gottes die Wurzel der Einheit der Christen ist, die tiefer greift als alle Trennung.
Wer sich auf das Zeugnis der Märtyrer einlässt, gewinnt bald schon den Eindruck, dass der Schatz ihres Erbes – fast noch unberührt – im Verborgenen schlummert. Vielleicht ist die Generation der heute und hier Studierenden ausersehen, Entscheidendes zu seiner Hebung beizutragen. Dies wäre ein kostbares Geschenk für die Menschen dieses Landes.

April 2015

Straßeninterviews in der Zeit um Ostern offenbaren von Jahr zu Jahr deutlicher, dass viele Menschen heute den Festinhalt nicht mehr kennen. Auch Christen, denen das Stichwort „Auferstehung“ zur Not noch präsent ist, geben häufig zu, dieses Fest spiele für ihren eigenen Lebensentwurf keine Rolle. Für Alfred Delp, dessen Leidenschaft darauf gerichtet ist, den Menschen seiner Zeit die Schätze des christlichen Glaubens zu erschließen und sie so zur Fülle des Lebens zu führen, liegt die mangelnde Offenheit gegenüber dem christlichen Glauben in der Abstumpfung bestimmter Organe, die den Menschen eigentlich erst fähig machen zu leben:

„Die erste Voraussetzung, den Tod recht zu sehen und zu verstehen, scheint doch die zu sein, zunächst einmal das Leben recht zu nehmen. Das Leben muss weit mehr als ein hartes und mühseliges begriffen werden. Ein Auftrag, der auf Widerruf gegeben und unter Schwierigkeiten durchzuführen ist, ein Marschbefehl ohne Sicherheit und Wissen um das Ende des Weges....“ .  Anderseits: Diese Härte zu überspielen durch Zuflucht zu den billigen und leichten Freuden des Lebens, trifft den Kern genau so wenig. „Wer  dem Leben seine Bitterkeit und Härten nimmt, - es soll hier wirklich keinem Pessimismus und Düsterkeitsfanatismus das Wort gerdet werden -, der verharmlost es und nimmt auch unseren Freuden die echte Tiefe, weil er unseren Herzen die echte Stärke nimmt. … Nur wer sich zunächst einmal mit der Härte des Lebens abgefunden und mit der Bitterkeitr des Sterbens auseinandergesetzt hat, darf nach dem Größeren Ausschau halten, das für den Christen in diesem Harten und Bitteren geschieht...“.
(Ges. Schr. Bd. II S. 226)

Februar 2015

Am 23. Januar, bzw. 2. Februar 1945, also vor 70 Jahren, starben am Galgen der Hinrichtunsstääte der Haftanstalt Plötzensee Helmuth James von Moltke und Alfred Delp mit weiteren Gefährten als Zeugen einer auf christlicher Basis aufzurichtenden neuen Ordnung Deutschlands und Europas. Am 25. Januar 2015, zum 70. Todestag der Märtyrer, hielt Pater Tobias Zimmermann SJ, Direktor des Jesuitenkollegs Canisius in Berlin, in der katholischen Gedenkkirche MARIA  REGINA  MARTYRUM  nahe dem Ort der Hinrichtung die abgedruckte Predigt (Download als PDF-Dokument).

Januar 2015

Beim Jahreswechsel 1944/45 erwartete Alfred Delp, Gestapo-Häftling in Berlin-Tegel, gemeinsam mit seinen Kreisauer Freunden die Prozesseröffnung in den ersten Januartagen und ein rasches Urteil, bei dem Helmuth James von Moltke und er selbst durchaus mit einem Todesurteil rechnen mussten. Beide suchten, auch im Austausch miteinander, in eine Haltung hinein zu finden, die in allem, was auf sie zukommt, die darin liegende Möglichkeit der Begegnung mit Gott erkennt.
Am 31. Dezember schreibt Delp, mitten aus diesem Ringen um Erleuchtung: „Die Wände, die zwischen mir und Gott noch stehen, muss ich einschlagen. Die stillen Vorbehalte restlos ausräumen. Das Gebet des von der Flüe * muss gelebt werden. Das göttliche Leben in mir als Glaube, Hoffnung, Liebe muss wachsen, intensiver werden. …“

* Das im Jesuitenorden hoch geschätzte Gebet des Nikolaus von der Flüe (1417-1487) lautet:
„Mein Herr und mein Gott, nimm alles von mir, was mich hindert zu dir. Mein Herr und mein Gott, gib alles mir, was mich fördert zu dir. Mein Herr und mein Gott, nimm mich mir und gib mich ganz zu eigen dir.“ (Ges. Schr. IV, S. 77)

Ich kenne Menschen, die jeden Tag mit diesem Gebet beginnen lassen. Sie bieten im Alltag das Gegenbild zu einem passiven Alldulder, der die Dinge laufen lässt nach dem Motto: Gott der Herr wird’s schon richten. Wer sich Gott „zu eigen gibt“, fragt nach Gottes Willen, auch in dieser Weltzeit: „Dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auf Erden!“ Gott aber ist ein Gott des Lebens und der Liebe.

Dezember 2014

Seit Jahren lädt die Alfred-Delp-Gesellschaft Mannheim e.V. Mitglieder und Freunde zu einer adventlichen Betrachtung in die Krypta der Mannheimer Jesuitenkirche ein, an jenen Ort, an dem das physische Leben und seine Existenz als Christ ihren Anfang nahmen.
Die Texte sind Delps Schriften entnommen. Zuweilen erweisen sich wegen Delps hoch konzentrierter Sprache Einschübe und Erläuterungen als hilfreich.
Mit dem Abdruck der Texte und der Angabe der Lieder möchten wir Sie zum Mitfeiern einladen.

ADVENTSBESINNUNG ADG
Krypta Jesuitenkirche 11. 12. 2014, 19 Uhr

Begrüßung/Eröffnung
Am 30. November dieses Jahres begann für die Christen mit dem ersten Adventssonntag das neue Kirchenjahr. Freilich: Seit Jahren ist zu beobachten, wie die Grenzen der Jahres- und Festzeiten verschwimmen. Lange vor Ostern schon hält österliches Beiwerk Einzug in die Schaufenster, und die Angebote für die weihnachtlichen Konsumorgien füllen bereits im Spätherbst die Auslagen der Einkaufspassagen.
Der Mensch als geschichtliches Wesen allerdings ist darauf angewiesen, in der Folge der Zeiten des Kirchenjahres sich auf die Grundsituationen seiner Existenz und die damit sich eröffnenden Möglichkeiten der Gottesbegegnung zu besinnen. So geht mit dem Verlust dieser im Lauf der Jahrhunderte gewachsenen Rhythmen nicht nur wertvollstes Kulturgut verloren, sondern eine exzellente Chance, Leben zu lernen.
Das Thema der Adventzeit ist, dass der Mensch irgendwie vor die letzten Dinge gerät, in die letzten Ordnungen gestellt wird, vor die letzten Fragen gebracht wird und letzte Antworten von ihm erwartet werden. Das ist ja auch der tiefste Sinn des kommenden Festes, auf das wir uns vorbereiten, dieses Festes vom Kommen des Herrn: Dass der Mensch und mit ihm alle Kreatur unausweichlich vor die allerletzten Wirklichkeiten geraten ist. Entsprechend ist nun die eigentliche Bereitung der Seele und des Geistes auf das Fest des kommenden Herrn, dass wir jetzt das Innerste, den Menschen selbst, vom Letzten her durchdenken und so bereit sind, dem Letztentscheidenden zu begegnen und ihm zu entsprechen.

Das soll deshalb das Thema dieser Adventsüberlegungen sein: Der Mensch, gesehen von dem her, was letztlich ist und sein wird und was durch keinen Trubel und keinen Wirbel und keine Anmaßung und keine Hybris irgendwie angerührt werden kann, was in der eigenen Gültigkeit nicht erschüttert werden kann und was, wenn man es anrührt, nur den, der die Hand oder die Faust erhebt, selber berührt.
Die hier vorgetragenen Gedanken sind einer Adventspredigt Alfred Delps aus den Kriegsjahren entnommen.

Eröffnung
V: Herr, öffne meine Lippen
A: damit mein Mund dein Lob verkünde.
V: Ehre sei dem Vater und dem Sohn und dem Heiligen Geist
A: wie es war im Anfang, so auch jetzt und alle Zeit und in Ewigkeit. Amen
Lied (GL Nr. 621; Solovortrag): „Hört, eine helle Stimme ruft“ (Ü „Vox clara ecce intonat“ 10. Jhdt.)

Alfred Delp, Advent – die Ankunft Gottes
Das Kommen Gottes in diese Welt offenbart, wozu der Mensch berufen ist.
In der Lesung zur dritten Weihnachtsmesse hören die Christen weltweit und zu allen Zeiten: „Vielfach und auf mancherlei Weise hat Gott früher durch Propheten zu den Vätern geredet. Zuletzt hat er in diesen Tagen zu uns geredet durch den Sohn, den er zum Erben des Weltalls eingesetzt hat. Er ist der Abglanz der Herrlichkeit und das Ebenbild seines Wesens und trägt das Weltall durch das Wort seiner Allmacht.“ (Hebr 1,1-3)
Beim ersten Hinhören scheint dieser Text nicht so recht zu Weihnachten zu passen. Weihnachten in unseren Breiten hat doch eher seinen Interpreten im hl. Franz von Assisi mit dem Gotteskind in der Krippe, mit Maria und Joseph, den Hirten und Ochs und Esel in der Waldeinsamkeit über der Stadt Greccio. Oder in Angelus Silesius mit der Gottesgeburt in der Seele: Wird Christus tausendmal zu Bethlehem geboren, und nicht in dir, du bleibst noch ewiglich verloren.
In Wahrheit gehören beide Vorstellungswelten zusammen. Worte wie die eben gehörten aus dem Hebräerbrief bewahren das Geschehen von Bethlehem vor dem Abgleiten in die Idylle. Die Weihnacht im Stall von Bethlehem aber macht deutlich, dass und wie das kosmische Geschehen der Inkarnation den Menschen, jeden Menschen im Tiefsten erschüttert und in seiner konkreten Existenz trifft, indem es allem Menschenleben eine Tiefe und Weite schenkt, die jegliches Denken übersteigt.
Gott, Schöpfer und Herr der Erde und des Himmels, begibt sich an den letzten Platz. Da ist er zu finden. Und wenn die Botschaft der Weihnacht, um mit Alfred Delp zu sprechen, den Menschen, jeden Menschen vor die letzte und entscheidende Wahrheit seiner Existenz ruft, ruft sie ihn dahin, wo sein Elend nach bleibender Erlösung schreit. Denn nackt, bloß und hilflos – das ist im Grunde ein jeder.
Lied (GL 231: gemeinsam): „O Heiland, reiß die Himmel auf“ (Friedrich Spee von Langenfeld 1622)

Alfred Delp – die Ankunft Gottes: Folgerungen
Eine weitere Lesung, diesmal aus dem Brief des Paulus an seinen Schüler Titus, Bischof auf Kreta, sinnt der Frage nach, was dieses letzte Wort Gottes an die Menschheit, also Christus selbst bedeutet. In Jesus Christus – das wird im Leben, Sterben und der Auferweckung klar – ist uns erschienen „die Güte und Menschenfreundlichkeit Gottes, unseres Heilandes. Nicht wegen der Werke der Gerechtigkeit, die wir getan haben, sondern nach seinem Erbarmen.“ (Tit 3,4-7)
Was bedeutet das für die innere Wirklichkeit des Menschen, da, wo er sich selbst verstehen muss? Und was bedeutet es für die Grundhaltungen, von denen aus er sein Leben gestaltet?
Also: Erschienen ist uns die Güte und Menschenfreundlichkeit Gottes. Der Mensch weiß sich, muss sich ernstlich wissen als Ziel und Inhalt eines göttlichen Entschlusses zum Menschen.
Zum Menschen, das bedeutet: Zu jedem einzelnen Menschen. Denn Menschen gibt es nur als Individuen. Als Individuum ist er ein so nie mehr vorkommendes Glied der Menschheit. Wenn er darauf verzichtet, sich in seiner Individualität, in seiner Einmaligkeit anzunehmen und sich kritiklos etwa herrschenden Trends anpasst, ist das immer noch seine Entscheidung. Andererseits lebt die Gesellschaft davon, dass sich möglichst viele mit ihren Besonderheiten in die Gemeinschaft einbringen.
Hinter jedem Einzelnen steht der Entschluss Gottes zum Menschen. Dies gilt bis in die allerärmste und hilfloseste Phase des menschlichen Lebens hinein.
Wer Menschen so liebt, wie Gott sie liebt, wendet sich ihnen zu um ihrer selbst willen. Also nicht um eines zu erwartenden Lohnes willen, sei es in diesem Leben oder jenseits der Todesgrenze. Wer so liebt, ist eins mit dem Urgrund allen Seins. Er hat die Botschaft von Advent und Weihnachten verstanden.
Lied (GL 429: Solisten im Wechsel): „Gott wohnt in einem Lichte“ (Jochen Klepper 1938)

Alfred Delp – Advent in der Gefängniszelle
Was Alfred Delp in Freiheit seinen Zuhörern über Advent und Weihnachten sagte, für manche darunter während der Kriegsjahre sicher in eine Situation hinein, in der Gott ferne zu sein schien, forderte seine eigene ganze Kraft und all seinen Mut im Angesicht des eigenen Todes. Hier hatte sich zu erweisen, was seine Worte wirklich wert waren. Des öfteren teilte er in Kassibern aus der Zelle in der Haftanstalt Tegel seinen Mitbrüdern und Freunden in der Freiheit mit, ihm selbst sei unter den Bedingungen der Haft erst wirklich bewusst geworden, was er Jahre hindurch gelehrt und gepredigt habe. Er habe die Verheißung der Gegenwart Gottes, den Advent Gottes in der Todeszelle, als Gottes Wort ernst genommen, sich darauf verlassen – zunächst ganz ins Dunkel hinein ohne jegliche Bestätigung, um dann das Wunder der Gegenwart Gottes umso intensiver zu erfahren. So lautet sein Vermächtnis, dokumentiert auf seinem letzten Kassiber an eine Berliner Frauengruppe, auf einen Fetzen Papier gekritzelt mit gefesselten Händen: „Beten und glauben Danke DP.“
Und seine letzten Worte, gerichtet auf dem Gang zum Galgen an den Gefängnispfarrer, der ihn segnete: „Peter, in einer halben Stunde weiß ich mehr als Sie!“

Responsorium:
V Dein Wort ist Licht und Wahrheit; es leuchtet mir auf allen meinen Wegen.
A Dein Wort ist ….
V Leben und Freude gibt es meinem Herzen.
A Es leuchtet mir auf allen meinen Wegen.
V Ehre sei dem Vater und dem Sohn und dem Heiligen Geist
A Dein Wort ist Licht und Wahrheit; es leuchtet mir auf allen meinen Wegen.
Lied (GL 451: gemeinsam): „Komm, Herr, segne uns“

Fürbitten
V Der Herr ist uns nahe, er hört unsere Bitten. Zu ihm lasst uns rufen. Komm, Herr, erhöre uns.
A Hilf deinem Volk und uns hier vor Ort, mit Freude Zeugnis zu geben von deiner Ankunft und so deinem Kommen den Weg zu bereiten. Herr, gib uns dazu Mut und Kraft.
V Führe alle suchenden Menschen. Lass dich finden in der Gemeinschaft der Glaubenden. Dazu schenke uns, Herr, Geduld.
A Gib allen, die dich nicht kennen, die froh machende Erfahrung deiner Menschenfreundlichkeit und Güte. Schenke allen dazu ein offenes Herz.
V Mache uns wachsam für dein Wort und gib uns den Mut zur Umkehr.
A Nimm die Verstorbenen unserer Alfred-Delp-Gesellschaft, deren Angehörige und alle suchenden Menschen, die vor dich gerufen werden, auf in die ewige Gemeinschaft mit dir.

Kurze Erläuterung zum Vater unser

P Lasset uns beten, wie der Herr uns zu beten gelehrt hat: Vater unser …

Segensbitte und Segen
P Gütiger Gott, voll Freude erwarten wir das Fest der Geburt Jesu, deines Sohnes; er macht hell, was in unseren Herzen dunkel ist. Er schenkt Trost, wo wir traurig sind. Lass uns spüren, dass er uns nahe ist. Gib uns die Kraft, selbst aufzubrechen und ihm entgegen zu gehen, Christus, unserem Bruder und Herrn.
So segne uns, Herr und bewahre uns vor Unheil und führe uns zum ewigen Leben bei dir, dem dreieinigen Gott, dem Vater, dem Sohn und dem Heiligen Geist.

A Amen

November 2014

Am 30. November dieses Jahres beginnt für die Christen mit dem ersten Adventssonntag das neue Kirchenjahr. Freilich: Seit Jahren ist zu beobachten, wie die Grenzen der Jahres- und Festzeiten verschwimmen. Lange vor Ostern schon hält österliches Beiwerk Einzug in die Schaufenster, und die Angebote für die weihnachtlichen Konsumorgien füllen bereits im Spätherbst die Auslagen der Einkaufspassagen.
Der Mensch als geschichtliches Wesen allerdings ist darauf angewiesen, in der Folge der Zeiten des Kirchenjahres sich auf die Grundsituationen seiner Existenz und die damit sich eröffnenden Möglichkeiten der Gottesbegegnung zu besinnen. So geht mit dem Verlust dieser im Lauf der Jahrhunderte gewachsenen Rhythmen nicht nur wertvollstes Kulturgut verloren, sondern eine exzellente Chance, Leben zu lernen.

Alfred Delp über die Zeit des Advent:
Das Thema des Advent ist, „dass der Mensch irgendwie vor die letzten Dinge gerät, in die letzten Ordnungen gestellt wird, vor die letzten Fragen gebracht wird, und letzte Antworten von ihm erwartet werden. Es ist immer so, wenn die Kirche die blauen Gewänder des Ernstes trägt, dass uns ernste Fragen vorgelegt und wir vor die großen Zusammenhänge und allgemeinen Gültigkeiten gestellt sind. Und das ist ja auch der letzte und tiefste Sinn des kommenden Festes, auf das wir uns rüsten, dieses kommende Weihnachtsfest und Kommen des Herrn, dass die Kreatur, der Mensch wirklich vor den Allerletzten geraten ist. Und das ist nun die eigentliche Bereitung der Seele auf das Fest des kommenden Herrn, dass wir jetzt das Letzte, den Menschen, uns selbst, vom Letzten her durchdenken und so bereit sind, wirklich bereit sind, ihm, dem Letzten zu begegnen und ihm zu entsprechen, so wie es sich für die Kreatur geziemt, dem Letzten zu begegnen, ihm wirklich so zu begegnen. Das soll deshalb das Thema dieser Adventsüberlegungen sein: Der Mensch vom Letzten her, was letztlich ist und letztlich sein wird und was durch keinen Wirbel und keinen Trubel und keine Anmaßung und keine Hybris irgendwie angerührt werden kann, was in der eigenen Gültigkeit nicht erschüttert werden kann und was, wenn man es irgendwie anrührt, nur den, der die Hand oder die Faust erhebt, selber anrührt.“

(Ges. Schr. II, S. 26 f.)

Oktober 2014

Nach der Verkündung des Todesurteils im Januar 1945 schrieb Delp seine Gedanken zum „Vater Unser“ nieder und ließ sie auch seinen Freunden in der Freiheit zukommen. Deutlich ist diesen anrührenden Dokumenten anzumerken, dass sie Ergebnis seines täglichen Ringens sind, und die trotz aller Hindernisse geführten Gespräche mit den Schicksalgefährten in den Nachbarzellen Eingang gefunden haben in Delps Niederschrift.
Entsprechend den sieben Bitten des „Vater Unser“ werden Delps Gedanken die nächsten sieben Monate in der Rubrik „Zeitansage“ einleiten.
Am Anfang steht die in der Haft gefestigte Einsicht in den Zusammenhang der innigen Erfahrung der Vatergüte Gottes mit der Geschwisterlichkeit der Menschen:

„Vater Unser
Eines der schrecklichsten Mittel der Gewalt ist die gewaltsame Vereinsamung. … Keiner sieht mehr den andern, keiner hört mehr die flüsternde Stimme des Gefährten und Kameraden auf dieser letzten und anstrengenden Bergfahrt. Der Mensch ist vor sich selbst und den letzten Dingen angekommen. Und doch gilt das alte Wort: Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei, gerade für diese Stunden. Man möchte zur nächsten Klippe, auf der der andere ausgesetzt ist, hinüberrufen. Menschenwort klingt nicht mehr.
Wir sind zu hoch in die Atmosphäre hinaufgerissen.
Vater Unser: Plötzlich sind die Entfernungen überwunden. Klar und hell wird die Wahrheit, dass der Weg zu Gott – über Gott immer schon der nächste Weg zum Menschen war. Der Mensch weiß sich im Bund und Bündnis mit allen, die anbeten, glauben und lieben. Die gemeinsame Mitte, der personale Gott, der uns anspricht und den wir anrufen, macht den Menschen zum Menschen und die Gemeinschaft zur Gemeinschaft.“

(Ges. Schr. Bd. 4, S. 226 f)

September 2014

 
 

Verwendung des Motivs mit Erlaubnis von Klaus Backmund. Foto Pedarnig, München

Zu Delps Geburtstag am 15. September
Gesang im Feuerofen

Dieses Bronzerelief, gestaltet von dem Münchner Bildhauer Klaus Backmund, steht seit 1982 im Park nahe der Kirche St. Georg in München-Bogenhausen. Delp war, nachdem die Jesuitenzeitschrift „Stimmen der Zeit“ nicht mehr erscheinen konnte, Kirchenrektor an St. Georg und dadurch Mitarbeiter des Pfarrers von Heilig Blut. Im alten Pfarrhaus von St. Georg traf er sich mehrfach mit dem Ehepaar Moltke und anderen Männern aus dem Umfeld des „Kreisauer Kreises“, von hier aus reiste er zu Vorträgen und Beratungen zum Thema „Neuaufbau“ nach dem Krieg durch das gesamte Reichsgebiet, hier wurde er schließlich, am 28. Juli 1945, nach der Morgenmesse von der Gestapo festgenommen.
Es gibt wenige biblische Motive, die das Leben der in Tegel inhaftierten, auf ihren Prozess wartenden Kreisauer so genau treffen wie die Geschichte jener drei jungen jüdischen Männer, die sich weigerten, auf königlichen Befehl hin dem Gott des babylonischen Großkönigs Nebukadnezzar zu huldigen; sie hielten ihrem Gott JHWH die Treue und ließen sich dafür in einen eigens dazu errichteten glühenden Ofen werfen. Sie fielen jedoch den Flammen nicht zum Opfer. Ein Engel Gottes stieg zu ihnen hinab in die Glut und bewahrte sie.

Ihr Preislied auf den einzig wahren Gott, den Schöpfer und Herrn der Welt, erreichte auch das Ohr des Diktators und demonstrierte zugleich vor der unterjochten Masse, wer Herr des gesamten Geschehens ist.
(vgl. Danielbuch Kp. 3)

Einige Züge dieser biblischen Geschichte finden sich in geradezu frappierender Weise in der Tegeler Häftlingsexistenz der „Kreisauer“ Freunde wieder: Vor allem Helmuth James von Moltke lernte vorsorglich – für Zeiten, in denen ihm weder Bibel noch Gesangbuch zur Vefügung stehen würden – zentrale biblische Texte und Lieder aus dem „Evangelischen Gesangbuch für Brandenburg und Pommern“ mit der ihm eigenen Beharrlichkeit auswendig, vor allem solche von Paul Gerhard, die in der Regel Psalmen oder einzelne Psalmverse aufgriffen. Diese Lieder sang der Häftling dann – aus Gründen des Memorierens, vor allem aber als Bekenntnis des Glaubens – zur Freude der Mithäftlinge und eines Teils des Gefängnispersonals – so laut und deutlich, dass sie im Zellengang gut zu hören waren.

Der Text des Liedes der drei jungen Männer im Buch Daniel ist nur in griechischer Sprache erhalten. Wenn er den Herrn als einzig wahren Gott und Retter preist, ist „Kyrios“ Subjekt der Aussage.

Für die christlichen Beter in Tegel hat diese rettende und befreiende Tätigkeit ihre endgültige Gestalt gewonnen in Jesus Christus. Dies wird für Alfred Delp und seine Mithäftlinge über die Konfessionsgrenzen hinweg besonders dann erfahrbar, wenn er in den nächtlichen Eucharistiefeiern in der Zelle die heilige Handlung eröffnet mit der Anrufung des Kyrios Jesus Christus, in dem Gott selbst in die Enge der Zelle hinabsteigt, um das Schicksal seiner Brüder und Schwestern zu teilen –so wie einst der Engel des Herrn zu den jungen Männern in die Glut des Ofens kam.

Günther Saltin

August 2014

 
 

Einlegeblättchen aus Delps Gesangsbuch

Abschließende Betrachtung zur Pfingstsequenz

Alfred Delps Betrachtung zur Pfingstsequenz „Veni sancte spiritus“ ist unvollendet geblieben. Seine letzten Lebenstage und sein Sterben gaben den Gedanken den gültigen Schluss. Als der Pater – auf dem Weg zum Galgen – den Gefängnispfarrer Buchholz erblickte, der, in einer Nische verborgen, den vorübergeführten Todgeweihten segnete, flüsterte dieser ihm zu: „In Kürze weiß ich mehr als Sie !“
Es ist die Haltung eines Menschen, der gelernt hat fest darauf zu bauen, dass Gott bei dem ist, der ihm vertraut; konkret: dass Gott das Lebensopfer seines treuen Dieners annimmt zum Heil für alle.
Zwar sind wir – so endet Delps Text – „trotz des Geistes, der uns innewohnt, oft so müde und furchtsam, weil wir dem Geist Gottes nicht zutrauen, aus uns etwas zu machen. Wir glauben der eigenen Dürftigkeit mehr als den schöpferischen Impulsen des Herrgotts, der in uns unser Leben mitlebt. Darauf kommt es an, auf das Vertrauen, dass wir immer noch geeignet sind, uns den schöpferischen Segnungen Gottes zu ergeben und unter diesen Segnungen erfüllte und lebenstüchtige Menschen zu werden. Selig, die Hunger und Durst haben!“

(Ges. Schr. B. IV S. 305)

Juli 2014

(Teil 7 zu A. Delps Betrachtung zum „Veni Sancte Spiritus“)

Die beiden Schlussstrophen der Pfingstsequenz befassen sich mit jener inneren Haltung, in der die Bitten um das Kommen des Gottesgeistes im Gebet ausgesprochen sein sollen, um die tiefe Not des Menschen zu erfassen und den Weg der Rettung zu finden.
Die Bitte:
Da tuis fidelibus
In te confidentibus
Sacrum septenarium.
(Schenke denen, die an dich glauben,
die dir vertrauen
die Siebenzahl deiner Gaben.)

„Der Glaube ist der Ort der Begegnung. Ich habe früher schon gesagt, dass dieses wunderschöne Leben im Geiste sich nur in der Sphäre und Atmosphäre personaler Intimität ereignen und entfalten kann. Der Beginn ist der Glaube und zwar der Glaube als personale Hingabe. Es handelt sich hier um mehr als die Annahme von Wahrheit aufgrund der Bürgschaft des Herrgotts. Dies ist der Anfang und das Mindeste, was der Mensch an Offenheit und Willigkeit mitbringen und leisten muss. Wer seine Welt auf den Raum des Ergreifens und Begreifens einschränkt, der kommt gar nie in die Nähe dieses lebendigen Gottes. Der Glaube ist der erste Schritt des Menschen von sich weg zum Herrgott hin. Die unbedingte Anerkennung des Herrgotts als Mitte und absolute Gültigkeit, auch gegen sich selbst und allen andern Anschein. Dieser Entschluss muss sich zu einem personalen Wort, einer personalen Treue verdichten. Da erst wird er wahrhaft lebendig und lebenspendend.“

(Ges. Schr. Bd.4, S. 303)

Juni 2014

(Teil 6 der Betrachtung zur Pfingstsequenz)

Nach den Defiziten, die mit der kreatürlichen Existenz des Menschen als solcher gegeben sind, bringt Alfred Delp in den nun folgenden sechs Anrufungen jene Hemmungen und Blockaden zur Sprache, die der Mensch sich erworben hat und die ihm den Zugang zu Gott und damit die Freude an Gottes Schöpfung vergällen:
Lava, quod est sordidum (Wasche, was verschmutzt ist)
Riga, quod est aridum (Schenke Fruchtbarkeit dem, was keine Frucht mehr bringt)
Sana, quod est saucium (Heile, was verwundet ist)
Flecte, quod est rigidum (Beuge, was verhärtet ist)
Fove, quod est frigidum (Erwärme, was erkaltet ist)
Rege, quod est devium (Weise dem die Richtung, was keinen Weg mehr sieht).
Wer sich selbst gegenüber ehrlich ist, wird zumindest Ansätze des ein oder anderen Defizits bei sich selbst entdecken.
Delp zur Bitte: „Heile, was verwundet ist“:

„Wenn der Glaube schwankt, die Hoffnung zerbricht, die Liebe erkaltet, die Anbetung erstarrt, der Zweifel nagt, der Kleinmut sich über alles Leben breitet wie das Leichentuch der Winterlandschaft, der Hass und die Anmaßung den inneren Atem würgen: dann ist das Leben auf den Tod verwundet. Dann ist es Zeit umzukehren und den Geist von innen her neu bauen und schaffen zu lassen. Die Welt sieht von Gott her anders aus und auf diesen Standpunkt des Herrgotts müssen wir auf jeden Fall zurück. Oft müssen wir für viele einzelne Situationen diese heilende Bekehrung und Wandlung durchstehen. Wehe dem Menschen, der dann alleine bleibt und nichts weiß von der inneren Nähe des Geistes.
Der Mensch allein versagt und verzagt. Ich spüre es doch jeden Tag, Stunde für Stunde: allein mit der Sache und der Sachlage wäre ich schon längst innerlich erwürgt und erschlagen. Immer wieder schiebt sich die natürliche Konsequenz und Logik des Unheils würgend und giftig ins Bewusstsein. Dass in all dem auch eine Logik des Heils, der Führung und Fügung sichtbar wird, zu dieser Erkenntnis muss man sich selbst dann doch entschließen, wenn man sie sich erbetet hat. Und doch hilft mir der Geist Gottes immer wieder über die kleinen Stunden hinweg: ich weiß und spüre es …“
(Ges. Schr. Band 4, S. 293)

Mai 2014

 
 

Kassiber Alfred Delps aus der Haftanstalt Tegel vom 10. Dezember 1944
Rechte bei: Archiv der Deutschen Jesuiten München

In der folgenden Textpassage „o lux beatissima, reple cordis intima tuorum fidelium“ („Du Licht der Seligkeit, erfülle das Innerste des Herzens der an dich Glaubenden!“) wendet sich der Beter erneut dem Heiligen Geist als Trost Spendendem zu: Möge dieser doch in Zeiten der Trostlosigkeit jene Stunden erfahrener Tröstung lebendig werden lassen, in denen eine Ahnung der ewigen Seligkeit geschenkt ist.

Es kommt vor, „dass Gott sich dem Menschen zu spüren gibt als lebendige Wirklichkeit, die beglückend überfließt und einströmt. Es gibt Tage im Sommer, in denen das Licht uns als spürbarer Segen umgibt. Etwa auf einer Waldwiese oder mitten im reifenden Kornfeld oder auf einem See. Das Empfinden des Menschen öffnet und weitet sich, er weiß sich eins mit der Kreatur um ihn herum und erfährt eine Ahnung von den reifenden und heilenden und segnenden Kräften, die im Kosmos geborgen sind. Und die nur der offene und ehrliche und behutsame Mensch erfährt. Das ist Ahnung und schwaches Abbild der Gotteserfahrung der lux beatissima. Dass es Stunden gibt, in denen der Herrgott wie zärtliche Wogen des Glücks seinen Menschen umgibt, umströmt, in ihn einströmt und ihn durchfließt, in denen der Mensch sich wirklich einbezogen weiß in den seligen Lebensstrom der Gottheit. Einmal wird das unsere ewige Seligkeit ausmachen. Jetzt geschieht es seinsmäßig schon immer als Zustand der Begnadung, der Gotteskindschaft, und bewusstseinsmäßig in den hohen Stunden der Begegnung. Aber es ist. Und von diesen Stunden kann man leben, viele Wüstentage hindurch und viele Wüstennächte, weil das Dasein, dem dieses geschenkt wurde, das stille Lächeln Gottes in allen Dingen und Zuständen und Verhältnissen sieht.“

(Ges. Schr. Bd. IV, S. 278)

April 2014

(Teil 4 der Betrachtung Alfred Delps zur Pfingstsequenz „Veni Sancte Spiritus“ aus dem Gefängnis in Tegel)

Die folgende dreifache Anrufung gilt der Begegnung mit der heilenden Kraft des Gottesgeistes:

* (Gefängnis der Lehrter-Straße, in dem Delp jederzeit damit rechnen musste, zu Geständnissen gefoltert zu werden.)

(Ges. Schr.IV, S. 271-278)

März 2014

(Teil 3 der Betrachtung zu Delps Gefängnismeditation über die Pfingstsequemz „Veni Sancte Spiritus“)

Die Rufe nach dem Kommen des Heiligen Geistes beginnen mit einer Trias, die die mit der Kreatürlichkeit gegebene Not des Menschen zur Sprache bringt (sh. Februartext der „Zeit-Ansage“). Die darauf folgende Trias preist den Heiligen Geist als den, der durch das nur durch ihn zu vermittelnde Verhältnis des Menschen zu Gott diese Nöte überwindet:
„Consolator optime“ (Tröster ohnegleichen)
„Dulcis hospes animae“ (freundschaftlicher Gast der Seele)
„Dulce refrigerium“ (lebenspendende Erfrischung) .

Die letztgenannte Prädikation illustriert Delp mit einem Vergleich.

„Man muss einmal einem Menschen begegnet sein, dessen Dasein und Nähe allein schon stärkt und erhebt, der für den anderen einfach ein Kraftfeld des Haltes, der Freude, der Zuversicht mit sich bringt, der einfach die Atmosphäre bestimmt: dann versteht man dieses Wort. Dass die geistige Stärkung und Erhebung und Beseligung, die mit dem dulce gemeint ist, sich wirklich wie Temperatur im Raum verbreitet und das Klima plötzlich voller Zuversicht und Menschenfreundlichkeit ist. Re-frigerium: Lösung des Erstarrten. Die Wohltat, die Wärme und Geborgenheit für den der Kälte und den Wunden ausgelieferten Leib bedeuten, die kommt dem Geist, dessen Erlebnisse ja auch die Trostlosigkeiten und Bedrängnisse viel intensiver spüren, in der Begegnung mit dem inneren Freund zu.“

(Ges. Schr. IV, S. 271)

Februar 2014

In der ersten Trias der Anrufungen des Heiligen Geistes in der Sequenz zum Pfingstfest kommen die Nöte zur Sprache, die mit der kreatürlichen Existenz als solcher gegeben sind.
„Veni pater pauperum“ („Komm, Vater der Armen“) spricht von der kreatürlichen Einsamkeit, die nur in der Begegnung mit dem Schöpfer aufgehoben wird; mit „Veni dator munerum“ („ Komm, Spender aller Gaben“) ruft die geschöpfliche Bedürftigkeit nach der Vollendung durch Gott; „Veni lumen cordium“ („Komm, Licht der Herzen“) hält die Kümmerlichkeit und Dunkelheit der Kreatur in die Helligkeit des göttlichen Lichtes.
Zu dieser Anrufung erklärt Alfred Delp:

„Die Verwirrung des Herzens ist die tiefste Verwirrung, die den Menschen überfallen kann. Ein Mensch ist soviel Mensch, wie er Herz einzusetzen hat und einsetzt. Das heißt, als er liebt. Damit ist ein Schlüssel zum Menschenleben und zur Menschengeschichte gefunden, der viele Rätsel aufschließt. Die Geschichte der Menschen ist die Geschichte der menschlichen Leidenschaften. Und die Geschichte der menschlichen Torheiten ist die Geschichte der unerleuchteten Herzen. Dass der Mensch in der Entscheidungsmitte des Daseins verwirrt und instinktlos und unsicher werden kann, das ist seine größte Gefährdung. Und dass er so oft instinktlos geworden ist, das ist sein Unglück.
Herz steht hier für die Lebensmitte des Menschen, in der seine Fähigkeiten, seine Wünsche, seine Nöte, seine Sehnsüchte sich in eine Entscheidung, einen Impuls, eine Liebe, eine Hingabe sammeln. Und hier, in dieser Herzmitte des Daseins, soll Zelt und Tempel des Heiligen Geistes sein. Das ist ja seine Art und seine Ordnung, den kreatürlichen Lebensweisen sich innerlich einzufügen, ihre Lebensfunktionen und Lebensäußerungen mitzuvollziehen und sie so auf seine Höhe und Dichtigkeit und Sicherheit heraufzuholen. Lumen cordium: wir wollen darum beten …“

(Ges. Schr. 4, S. 268 f.)

Januar 2014

In der etwa halbjährigen Haft als Gestapo-Gefangener, ab September 1944 bis zum Tod am 2. Februar 1945 in der Haftanstalt Berlin-Tegel, schrieb Alfred Delp meditative Texte, in denen Erfahrungen mitgeteilt werden, die nur in dieser Extremsituation „im Angesicht des Todes“ möglich sind. Dazu gehört auch eine Betrachtung zur Pfingstsequenz „Veni sancte spiritus“, in die auch Gedanken seiner Mithäftlinge aus dem „Kreisauer Kreis“ (Helmuth James von Moltke, Eugen Gerstenmaier u. a.) aufgenommen sind, so dass dieser Text ökumenischen Charakter aufweist.
Zentrale Einsichten aus dieser Meditation sind die Grundlage der 12 Texte der „Zeit-Ansage“ 2014.

Zur Anrufung „Veni sancte spiritus et emitte caelitus“ („Komme, du Geist der Heiligkeit aus des Himmels Herrlichkeit“):

„Wenn wir müde sind und verzagen, sollen wir nicht zuerst die Übermacht der Schicksale messen und aufzählen, sondern nur fragen, ob wir nahe genug bei Gott sind und ob wir genug gerufen haben. Die ewigen Berge, von denen Hilfe kommt, sind da. Und ihre Hilfe ist bereit und wartet und kommt. Ich lebe doch gerade den Beweis für diese Wahrheit. Gott erzieht mich direkt und konsequent zu dieser Einsicht. Alles, was ich an Sicherheit und Klugheit und Schläue mitbrachte, ist unter der Wucht und Härte der Widrigkeiten zersplittert. Dios solo basta*. Diese Monate haben mir viel zerschlagen, dem Urteil nach zuletzt die ganze physische Existenz. Und doch sind so viele Wunder geschehen. Gott hat diese Sache ganz in seine eigene Regie genommen. Und ich habe das Rufen gelernt und das Warten auf die Botschaft und Kraft der ewigen Berge.“
* „Gott allein genügt.“ (Johannes vom Kreuz zugeschrieben.)

(Ges. Schr. 4, S. 264)

Dezember 2013

Für Alfred Delp ist das entscheidend und unterscheidend Christliche die Menschwerdung Gottes in Jesus Christus. Im Advent 1944 denkt er in seiner Zelle während der Gestapo-Haft in Berlin –Tegel darüber nach, was denn dieses Geschehen für ihn in seiner Situation bedeutet:

Dass Gott „in unser Gesetz, in unsere Räume, in unsere Existenz eintritt: nicht nur wie, sondern als einer von uns: das ist das Erregende und Unfassliche dieses Geschehens. Die Geschichte wird nun auch zur Daseinsweise des Sohnes, das geschichtliche Schicksal sein Schicksal. Er ist auf unsern Straßen anzutreffen. In den dunkelsten Kellern und einsamsten Kerkern des Lebens werden wir ihn treffen. Und das ist schon die erste Segnung und Weihung der Last, dass er unter ihr anzutreffen ist. Und damit zugleich die zweite: alle, die den gleichen Lastballen schleppen, spüren es, wenn eine neue mächtige Schulter sich unter ihn schiebt und mitträgt. Und die dritte sei zugleich mitgesagt: seit der Heiligen Nacht ist das gottmenschliche Leben die Urform des Daseins, nach der alles Leben von Gott gebildet wird, das sich nicht dieser Bildung widersetzt. Die Kraft zur Meisterung des Lebens wächst durch den Einstrom des göttlichen Lebens in die menschliche Daseins- und Schicksalsgemeinschaft, zu der sich Christus bekannt hat.“

(Vigil von Weihnachten, in Ges. Schr. Bd. 4, S. 189)

November 2013

Im Jahr 1943,in einer Zeit, in der in München und ganz Deutschland Kirchen zu Hauf in Trümmer fielen, bot Alfred Delp eine Vortragsreihe an unter der Thematik „Zeichen der Zeit“. Im Vortrag zum Thema „Trümmer“ las er bedächtig das unten abgedruckte Sonett von Reinhold Schneider vor.
Auch heute werden reihenweise Kirchen entweiht und in Trümmer gelegt, sei es, weil sie keine Verwendung mehr finden, sei es, dass sie Opfer werden zum Beispiel von Planungen, wie in diesen Tagen in Immerath bei Erkelenz wegen des Braunkohleabbaus.
Auch für uns kann es von Gewinn sein, Schneiders Gedicht für unsere Zeit zu lesen:

Nun sinkt der Väter Werk in Glut und Grauen,
Was der Geschlechter langer Fleiß vollbracht,
Das stürzt in Trümmer schrecklich über Nacht,
Und nur in Träumen wird`s der Enkel schauen.

Doch können die nur retten, die vertrauen.
Es lebt der Mauern tiefgeheime Macht
Vom heiligen Dienst, der glühend darin wacht,
Und nur die Beter werden Türme bauen.

Entweihtes schwindet unerbittlich hin.
Doch wenn der Welt verwirkte Tempel fallen,
So müssen Herzen sich zu Tempeln weihn.

Verborgen baut ein glaubensreiner Sinn
Entfernter Zeiten kühn gewölbte Hallen
Und Priester heiligt Christi Widerschein.

(Zitiert aus: Ges. Schr. 3, 431 f.)

Oktober 2013

In diesen Tagen erschüttert das Schicksal der afrikanischen Flüchtlinge vor Lampedusa die Menschen in Europa zutiefst und konfrontiert sie mit der Frage, wer wir eigentlich sind, in deren Gegenwart solches geschehen kann. Gerade die Menschen in Deutschland müssten aus ihrer Geschichte gegen Mitte des 20. Jahrhunderts gelernt haben, dass die Liebe zum Nächsten keine rein private Tugend ist, sondern eine politische Dimension hat.
Insofern sind die Worte Alfred Delps aus einer Sonntagspredigt im Oktober 1943 auch in unsere Situation hinein gesprochen:

„ … selber Christ sein wollen, das heißt heute, innerlich bereit zu sein, die Verantwortung für das Ganze auf sich zu nehmen. In diesen Zeiten erträgt Gott nicht den Menschen, der da vor ihm erscheint und nur sein privates Anliegen vor ihn bringt und nur seine private Sorge ihm vorträgt. In Zeiten, in denen Gott mit der Menschheit würfelt um die Grundordnungen des Daseins, da verlangt der Herrgott den Menschen des weiten Herzens, der großen Verantwortlichkeit, der wirklich vor Gott hintritt und das Ganze auf sich nimmt.“

(Ges. Werke 3, Seite 260 f.)

September 2013

Alfred Delp wurde am 15. September 1907 in Mannheim geboren und zwei Tage später vom Kaplan der Oberen Pfarrei in der Geburtsklinik getauft. Es lohnt, dies zum Anlass zu nehmen, sich einzulassen mit Geist und Herz auf eine Glaubensstunde des Jesuiten zum Thema „Taufe“ . Im Sommer oder Herbst 1941 hielt er Katechesen zu den Sakramenten unter dem Titel: „Von der siebenfachen Not und der siebenfachen Erlösung der Welt“. Dabei setzt seine Sakramententheologie anthropologisch an.

Zu den Fragen, mit denen der Spender die Taufhandlung eröffnet, führt Delp, beginnend mit dem Namen, aus:

„Der Name – im alten, ursprünglichen Sinn – macht den Menschen zum festen, endgültigen Wesen. Jetzt er ein fest umschriebenes Individuum, eingefügt in Eigentums- und Zusammengehörigkeitsverhältnisse. Im Namen liegt das bürgerliche Recht, die Zugehörigkeit und Kennbarkeit der Familie. Es soll ausgedrückt werden, dass der Mensch hier in eine letzte Sicherung gerät. Die drei ersten Fragen, die bei der Taufe geschehen, sind das Vorspiel, das Vorwort, das das nachherige Geschehen zusammenfasst und vorausnimmt. Die Frage `Was willst Du? `mit der Antwort `Den Glauben?` bedeutet das Hinauswachsen über die rein innerirdischen Perspektiven, das Hineingeraten in den endgültigen Raum, in endgültige Dimensionen, wo die Dinge stehen, wie sie sind. Dann folgt ein Kurzunterricht: `Willst Du zum Leben eingehen, so halte die Gebote. Du sollst den Herrn, Deinen Gott, lieben aus Deinem ganzen Herzen, aus Deiner ganzen Seele und aus Deinem ganzen Gemüte und Deinen Nächsten wie Dich selbst`. Der Mensch wird kurz verwiesen auf die richtige Haltung zum gesamten Kosmos, zu Gott und Welt, zur gesamten Kreatur, dass er all dem gegenüber stehen soll, nicht in titanenhaftem Auflehnen, sondern segnend, fördernd, heilend.“

(Ges. Schr. III S. 312)

August 2013

Im letzten Jahr sind, unabhängig voneinander, zwei Arbeiten über Alfred Delp erschienen, die den unlösbaren Zusammenhang zwischen Transzendenzbezug und menschlicher Freitheit in Delps Sicht darstellen (Autoren: Andreas Schaller und Maciej Malyga: sh. Rubrik „Literatur“). Delp kam, vor allem in seinen sonntäglichen Predigten in München/St. Georg und der Michaelskirche im Zentrum) immer wieder auf dieses seiner Überzeugung nach lebenswichtige Thema zu sprechen:

„Der Mensch ist nur insofern Kreatur, als er echt kreatürlich lebt. Das heißt: dauernd aus dem schöpferischen Jawort und aus dem Herzblut des Herrgotts leben. Wo ein Mensch oder eine Menschheit sich dies wegträumt oder wegverordnet, da spürt man auf einmal die Hand an der Gurgel; immer, wenn wir um uns selber herumtanzen oder überzeugt sind von den ungeheueren Plänen. Gehen wir doch zurück zur einfachen Weisheit unserer Väter, dass man von Gott her leben und von ihm her den Dingen gewachsen sein kann: Er hat uns zu ausgerüsteten Dienern des Neuen Bundes gemacht. Da sind wir vom Herrgott her befähigt, dem Leben zu dienen. Wir stammen nicht aus dem eigenen Einfall, wir stammen aus dem Segen Gottes. Wenn wir dies wieder zum Bewusstsein unseres Alltags machen, unseres alltäglichen Lebens – dann hören wir auf, diese Dürftlinge zu sein; denn was uns begegnet – es steht da immer der herrscherliche Gott. Je mehr wir uns auf die Tatsachen des Herrgotts stellen, um so eher stehen wir auf festem Boden.“

(aus: Predigt zum 12. Sonntag nach Pfingsten. Ges. Schr. III S. 254)

Juli 2013

In Alfred Delps Nachlass fand sich eine fertige Schrift mit dem Titel „Der Mensch vor sich selbst“, deren Veröffentlichung im Alsatia-Verlag in Colmar vorgesehen war, aber wegen der Kriegswirren nicht mehr zustande kam. Im Vorwort unterstreicht der Autor, dass die Skizze entstand „unter starker Berücksichtigung einer gegenwärtigen Verfassung des menschlichen Selbstbewusstseins und Selbstverständnisses, die es notwendig macht, den Menschen in eine ehrliche Selbstbegegnung zurückzurufen“. Damit steht der Text auf dem Hintergrund des von Delp stets beklagten Kollektivismus seiner Zeit und der damit verbundenen Selbstaufgabe von Freiheit und Verantwortung.
Vielleicht bietet sich dem ein oder anderen heutigen Leser die Möglichkeit, in einer stillen Stunde das eigene Leben im Licht dieser Worte zu bedenken.

„In den Begriff des Menschen gehört nicht nur der Mensch, zu ihm gehört die Welt und das Sein als solches und das Ganze und Gott, die Heimat alles Wirklichen. Weil der Mensch in die letzten Hintergründe des Wirklichen hineinreicht und an den letzten Unbegreiflichkeiten teilhat, soll man seine Verschlossenheit und Undurchsichtigkeit Mysterium nennen, Geheimnis. Er stammt aus dem Geheimnis Gottes und wird dorthin zurückkehren, mit Augen, die durch die Bewährung des Lebens kräftiger und fähiger geworden sind, die Geheimnisse auszuhalten. Wenn der Mensch sich selbst begegnet mit der Ahnung, dass er Geheimnisse trägt, echte Geheimnisse, Sachverhalte, die wirklich und groß sind und aus Gott stammen, dann wird er die billige Leichtfertigkeit verlernen, mit der er sich manchmal weggibt und verschenkt an Instanzen, die seiner nicht wert sind; dann wird er eine letzte Ehrfurcht vor sich selbst haben, und er wird die Selbstbegegnung mit dem Ernst vollziehen, der ihr alleine ihre ergiebige Fruchtbarkeit sichert. Er wird immer, durch alle Erlebnisse und Schicksale hindurch, unter dem Eindruck der großen Würde stehen, die ihm eignet, die er zu hüten hat und ohne die er sich missversteht.“

(Gesammelte Schriften Bd. 2, S. 549 f.)

Juni 2013

 
  Alfred Delp vor dem Volksgerichtshof.
Gemälde von Ruth Kiener-Flamm im Pater Delp Gemeindehaus in Hemsbach.
Foto: Schwalbenhofer/Hemsbach

Mitten im Kriegsjahr 1943 spricht Alfred Delp in einer Sonntagspredigt in St. Georg (München-Bogenhausen) vom Vertrauen. Vor ihm sitzen Menschen, von denen viele den Verlust geliebter Angehöriger und Freunde zu beklagen haben . Delp, selbst ein Betroffener, weiß: Hier helfen keine Worte oder Erklärungsversuche. Sie sind und bleiben Menschenwerk. Helfen aber kann der Blick auf eine konkrete Tat Gottes: das Kreuz Christi, Zeichen der „Bürgschaft Gottes für die Menschheit“.

„Es kann in jedem einzelnen Leben und im Leben der Völker Zeiten geben, wo alles am Boden liegt, wo man vor zugeschlagenen Türen steht, vor Scherben. Es wird ein jeder durch solche Stunden und Zeiten geschickt. Vielleicht stehen wir vor Türen, die wir selbst zugeschlagen, vor Stunden, die wir selbst innerlich verbaut haben. Da bleibt immer nur das Eine: das sind Durchgangsstadien, nicht weil irgendwo ein Schlagwort aufkommt. Man kann stundenlang vor Scherben stehen müssen, aber man darf nicht vergessen: Hinter uns steht die Bürgschaft des Herrgotts zu der Menschheit, das Kreuzesopfer des Herrn. Darauf kann man sich verlassen. Wir müssen uns den Herrgott so innerlich heranbeten und heranholen, dass wir wieder wissen, man kann sich auf ihn verlassen. Und so kann man das Leben an sich herangehen lassen. Der Atem wird uns nicht ausgehen, weil es nicht Atem des Menschen ist, sondern Atem Gottes.“

(Ges. Schr. Bd. II S. 255 f.)

Mai 2013

Alfred Delp verfasste in seiner Tegeler Gefängniszelle einen seiner anrührendsten meditativen Texte: eine den einzelnen Anrufungen der Pfingstsequenz “Veni Sancte Spiritus” folgende Betrachtung. Er selbst bekennt, dass er erst in der Haft: im Nachsinnen der Wege Gottes, in der Lektüre der Heiligen Schrift, im Gebet und nicht zuletzt im geistlichen Austausch mit seinen Mithäftlingen so recht erfahren habe, was der Heilige Geist im Menschen wirken kann.
Zur Anrufung “dulce refrigerium” (“trostreiche Erfrischung”) ist zu lesen:

“Man muss einmal einem Menschen begegnet sein, dessen Dasein und Nähe allein schon stärkt und erhebt, der für den anderen einfach ein Kraftfeld des Haltes, der Freude, der Zuversicht mit sich bringt, der einfach die Atmosphäre bestimmt: dann versteht man dieses Wort. Dass die geistige Stärkung und Erhebung und Beseligung, die mit dem dulce gemeint ist, sich wirklich wie Temperatur im Raum verbreitet und das Klima plötzlich voller Zuversicht und Menschenfreundlichkeit ist. Re-frigerium: Lösung des Erstarrten. Die Wohltat, die Wärme und Geborgenheit für den der Kälte und den Wunden ausgelieferten Leib bedeuten, die kommt dem Geist, dessen Erlebnisse ja auch die Trostlosigkeiten und Bedrängnisse viel intensiver spüren, in der Begegnung mit dem inneren Freund zu.”
(Ges. Schr. Bd. IV, S. 271)

April 2013

Das Vertrauen in die Institution Kirche ist auf einen Tiefpunkt gesunken. Dafür gibt es vielerlei Gründe. Doch die Situation ist nicht neu. Im Jahr 1941 hatte Alfred Delp allen Grund, vor Männerseelsorgern in Fulda einen Vortrag zu halten zum Thema „Das Vertrauen in die Kirche“.
Aus den differenzierten Ausführungen seien hier zwei Gesichtspunkte angesprochen. Der erste nimmt den Auftrag der Kirche zum Schutz der Menschenrechte ins Visier:

„ Die Kirche hat in diesen Tagen die ungeheure Chance, sich dem Gedächtnis der Kreatur unverlierbar einzuprägen, wenn und weil sie die mutige Verteidigung der bedrohten Kreatur war, und es wäre falsch, dies zu sehen unter dem Gesichtspunkt der zukünftigen taktischen Vorteile. Die Bindung an diese Aufgabe ist eine Bindung aus der Verantwortlichkeit, die wir dafür tragen, dass das Antlitz Gottes in der Kreatur bleibe.“

Ein weiterer Gesichtspunkt ist die Verantwortung aller Gläubigen, unabhängig von Ämtern und Funktionen:

„ … so bleibt die Frage nach dem Vertrauen der Kirche immer wieder eine Frage nach dem Menschen in der Kirche in allen Funktionen und Ämtern, und so bleibt die Krise des Vertrauens zur Kirche immer wieder die Klage über die Krise des kirchlichen Menschen, und so bleibt die Aufgabe, die sich aus der Pflicht zur Wiederherstellung des Vertrauens zur Kirche ergibt, zuerst und zuinnerst die Aufgabe der Wiederherstellung und Bildung eines echten und zuversichtlichen kirchlichen Menschen.“

(Ges. Schr. Band I, S. 282 und 283)

März 2013

Alfred Delp ist Zeit seines Lebens leidenschaftlich im Einsatz, als Seelsorger, als Schriftsteller und in seinem gesellschaftlich-politischen Engagement, dem Menschen (jedem Menschen) ein Bewusstsein zu vermitteln von seiner ganz persönlichen Berufung. Nivellierung und “Vermassung” sind für ihn die Gefahren seiner Zeit. Diese Thematik steht auch im Zentrum des 1943 im Alsatia-Verlag Colmar erschienenen Buches “Der Mensch und die Geschichte”.*

“Der Mensch, der sich selbst durchforscht und erlebt hat, weiß bluthaft sicher, dass mit ihm etwas Einmaliges gemeint ist. Dass alle diese Bezüge und Verweise, in denen er steht und die in ihm zusammentreffen, in ein letztes Unsagbares münden, in ein weiter nicht mehr Aufzuhellendes, in das Ich. Der Mensch spürt, ohne dass er es oft reflex zu fassen und zu sagen weiß, dass vor diesem Letzten vieles andere an Gewicht verliert,und dass dort die Möglichkeit neuer Anfänge liegt, endgültiger Setzungen, die den Raum der Welt und der Geschichte durchbrechen und weit darüber hinaus gelten. Die Dinge und Zustände und Beziehungen behalten ihren Ernst und ihren Wert und verlieren doch ihre zwingende Macht. Das Letzte im Menschen ist ein Raum, zu dem nur zwei Zutritt haben: eben der Mensch und sein Gott. Wer aus diesem Raum kommt, bringt einen versonnenen Ernst mit, eine prüfende Nüchternheit, eine wagende Entschlossenheit, eine harte Zähigkeit. Dort erglüht die mystische Stille und Versunkenheit ebenso wie der rauschhafte Titanenwille, weil dort der Mensch sich selbst als unauflösliche Realität gefunden hat, die am schöpferischen Abgrund Gottes teilnimmt.”
(Ges. Schriften Band II, S. 377)

* Das Buch erschien ohne Jahresangabe - eine Selbstschutzmaßnahme des Verlegers Rossé, denn der Autor gehörte nicht der Reichsschrifttumskammer an und der Inhalt stand quer zur herrschenden Ideologie der Nationalsozialisten.

Februar 2013

Am 23. Januar 1945 wurde Helmuth James von Moltke in Berlin-Plötzenee hingerichtet. Alfred Delp war nun der letzte der zum Tod verurteilten „Kreisauer“, der – wie er selbst schrieb – „Letzte im Eisen“. Am selben Tag, an dem er von des Freundes Tod erfuhr, wurde ihm die Nachricht überbracht, dass in München Alfred Sebastian Kessler geboren sei. Vor Delps Inhaftierung hatten die Eltern ihn gebeten, das Kind zu taufen; mittlerweile in Haft, sollte er die Patenschaft übernehmen (wobei er sich bei der Taufe selbst vertreten lassen konnte). „Tod und Leben begegnen sich“ – so charakterisiert ein Delp-Biograph diesen 23. Januar.
Alfred Delp schrieb seinem Patenkind, einem in manchen katholischen Gegenden etablierten Brauch folgend, einen „Patenbrief“. Der folgende Text stellt einen Auszug daraus dar.
Delp selbst starb am 2. Februar 1945 am Galgen in Plötzensee:

„Ich lebe hier auf einem sehr hohen Berg, lieber Alfred Sebastian. Was man so Leben nennt, das ist weit unten, in verschwommener und verworrener Schwärze. Hier oben treffen sich menschliche und göttliche Einsamkeit zu ernster Zwiesprache. Man muss helle Augen haben, sonst hält man das Licht hier nicht aus. Man muss gute Lungen haben, sonst bekommt man keinen Atem mehr. Man muss schwindelfrei sein, der einsamen, schmalen Höhe fähig, sonst stürzt man ab und wird ein Opfer der Kleinheit und Tücke.
Das sind meine Wünsche für Dein Leben, Alfred Sebastian: helle Augen, gute Lungen und die Fähigkeit, die freie Höhe zu gewinnen und auszuhalten. Das wünsche ich nicht nur Deinem Körper und Deinen äußeren Entwicklungen und Schicksalen, das wünsche ich viel mehr Deinem Innersten selbst, dass Du Dein Leben mit Gott lebst als Mensch in der Anbetung, in der Liebe, im freien Dienst.
Es segne und führe Dich der allmächtige Gott, der Vater, der Sohn und der Heilige Geist.

Dein Patenonkel Alfred Delp“

(Ges. Schr. Bd. IV, S. 141)

Januar 2013

 
In der Haftanstalt Tegel schrieb Alfred Delp, wohl in Zusammenhang mit der mit anderen Häftlingen gemeinsam gebeteten Novene zum Heiligen Geist im Hinblick auf den für den 8. Dezember 1944 erwarteten Beginn des Prozesses vor dem Volksgerichtshof, eine Meditation zu den Anrufungen der Pfingstsequenz „Veni Sancte Spiritus“. Die Ausführungen zum Heiligen Geist als „Tröster“ mögen am Beginn auch dieses Jahres 2013 stehen und den bedächtig Lesenden Mut machen, mit den Möglichkeiten des Gottesgeistes auch für das eigene Leben zu rechnen:

Die Tröstung durch den „Tröster-Geist“ ist kein Traum, sondern „so wirklich wie die Fesseln an meinen Händen: Wenn der Geist den Menschen anrührt, gibt er diesem die Gewissheit von der schöpferischen Freiheit Gottes, von der großen Notwende, zu der Gott fähig und willens ist. Dies ist schon die erste Erhebung, dass der Mensch über sich selbst hinausgehoben wird zum Träger, Eigentümer neuer Fähigkeiten und Tüchtigkeiten, von denen er vorher keine Ahnung hatte. Neue Sinnzusammenhänge gehen ihm auf, die Dinge und Zustände enthüllen sich als Träger einer Botschaft, der Johannesbotschaft der Umkehr und Heimkehr.“

(Ges. Schriften Bd. IV, S. 277)

Dezember 2012

Alfred Delp schrieb in seiner Zelle im „Totenhaus“ der Haftanstalt Tegel im Dezember 1944 Gedanken zu Weihnachten nieder und ließ den Text Freunden in der Freiheit zukommen. Dabei reflektiert er den Zusammenhang zwischen Gottesbegegnung und menschlicher Freiheit:

„Der Mensch muss frei sein. Als Sklave, in Kette und Fessel, in Kerker und Haft verkümmert er. Über die äußere Freiheit hat der Mensch sich viele Gedanken und Sorgen gemacht. Er hat erst unternommen, seine äußere Freiheit zu sichern, und er hat sie doch immer wieder verloren. Das Schlimme ist, dass der Mensch sich an die Unfreiheit gewöhnt und selbst die ödeste und tödlichste Sklaverei sich als Freiheit aufreden lässt.
In diesen Wochen der Gebundenheit habe ich dies erkannt, dass die Menschen immer dann verloren sind und dem Gesetz ihrer Umwelt, ihrer Verhältnisse, ihrer Vergewaltigungen verfallen, wenn sie nicht einer großen inneren Weite und Freiheit fähig sind. Wer nicht in einer Atmosphäre der Freiheit zu Hause ist, die unantastbar und unberührbar bleibt, allen äußeren Mächten und Zuständen zum Trotz, der ist verloren. Der ist aber auch kein wirklicher Mensch, sondern Objekt, Statist, Nummer, Karteikarte.

Dieser Freiheit wird der Mensch nur teilhaft, wenn er seine eigenen Grenzen überschreitet. Er kann dies auch in unzulässiger, empörerischer Weise versuchen. Aber gerade der im Menschen schlummernde Blitz zur Meuterei zeigt, wie sehr des Menschen Wesen darauf angelegt ist, aus seinen Grenzen herauszukommen. Den Rebellen kann man noch zum Menschen machen, den Spießer und das Genießerchen nicht mehr.
Die Geburtsstunde der menschlichen Freiheit ist die Stunde der Begegnung mit Gott. Ob Gott nun einen Menschen aus sich herauszwingt durch die Übermacht von Not und Leid, ob er ihn aus sich herauslockt durch die Bilder von Schönheit und Wahrheit, ob er ihn aus sich herausquält durch die unendliche Sehnsucht, durch den Hunger und Durst nach Gerechtigkeit, das ist ja eigentlich gleichgültig. Wenn der Mensch nur gerufen wird und wenn er sich nur rufen lässt…. Man muss die Segel in den unendlichen Wind stellen, dann erst werden wir spüren, welcher Fahrt wir fähig sind.“

(Ges. Schr. Bd. IV, S. 216-218)

November 2012

 
Alfred Delp, seit Ende Juli 1944 Gestapo-Häftling in Berlin, konnte seit Anfang Oktober 1944 in seiner Zelle in der Haftanstalt Tegel mit hereingeschmuggelten Hostien und Messwein Eucharistie feiern  Die andern Häftlinge, durch Klopfzeichen oder über andere Kanäle informiert, feierten „geistlich“ mit. Besonders festlich beging Delp die Herz-Jesu-Freitage – eine Frömmigkeitsform, die vom Jesuitenorden gefördert wurde. In Zusammenhang mit diesen Feiern schrieb Delp in seiner Zelle, vermutlich im November 1944, meist mit gefesselten Händen zwei bedeutende Texte zur Herz-Jesu-Frömmigkeit nieder, die über den Gefängnispfarrer nach draußen gelangten. In einem der Texte ist zu lesen:

„Der Gottmensch Jesus Christus als personal existierender Heilswille Gottes zu den Menschen, als erlösender Heilswille Gottes, als den persönlichen Menschen rufender und suchender Heilswille Gottes; das ist wohl die Eigenart des Heilandsbildes dieser Andacht. Der Anruf des persönlichen Menschen geschieht zweifach: zu seiner Rettung und Heilung und zur inneren Wandlung in die Form Christi, d.h in die Bereitschaft und Fähigkeit, selbst als Instrument des erlösenden und suchenden Heilswillens des Herrn wirksam und fruchtbar zu werden. Von hier stammt der Gedanke der Sühne, der Genugtuung usw. Die Gesinnungen Christi wiederholen und vollziehen, die Gesinnungen des für uns eintretenden und gutmachenden Christus.“

(Ges. Schr. Band IV, S. 243 f.)

In dieser Gesinnung hat Alfred Delp sein eigenes Leben und Sterben verstanden.

Oktober 2012

Im Monat des Erntedankes sollte es nicht nur um die Früchte des Feldes gehen, sondern auch um die Bitte und den Dank für die Gaben des Geistes. Dazu hat Alfred Delp in einer im Gefängnis in Berlin-Tegel im Januar 1945 abgefassten Meditation zur Pfingstsequenz erhellende Worte hinterlassen, hier bezogen auf den „Heiligen Geist“ als den „dator munerum“ (Spender der Gaben):

„Wo die Kreatur an sich selbst krank und müde ist und ihrer Armut sich bewusst wird, soll sie den `Schöpfergeist` rufen. Er ist der Spender. Durch die Mitteilung seiner selbst macht er uns zu Ebenbildern des Sohnes. Er macht uns des neuen Lebens teilhaftig und fähig. Er schafft in uns den höheren Sinn und den höheren Willen und das höhere Herz, auf dass wir glauben, hoffen und lieben - das heißt: gottnah und gottverbunden leben können. Er ist der Spender der Gaben im engeren Sinne, der so oft vergessenen sieben Gaben des Heiligen Geistes. Damit ist ja nichts anderes gemeint, als die Ausrüstung des Menschen mit neuen Fähigkeiten und Lebenstüchtigkeiten. Das übernatürliche Leben in uns ist echtes Leben, also differenziert. Je mehr Sinne in einem Menschen wach und aufnahmefähig sind, um so mehr lebt er. Dies alles wächst und wird tüchtiger und kundiger, wenn geistige Organe wachsen unter dem schöpferischen Segen des dator munerum. Es ist die Überwindung der menschlichen Kümmerlichkeit, von der hier die Rede ist.“

(Gesammelte Werke Bd. IV, S. 267)

September 2012

September 2012 Aus einer Predigt Delps aus dem Jahr 1943 zur Frage der Hierarchie der Werte.

Der Mensch ist nur insoweit Kreatur, als er echt kreatürlich lebt. Das heißt: dauernd aus dem schöpferischen Jawort und aus dem Herzblut des Herrgotts leben. Wo ein Mensch oder eine Menschheit sich dies wegträumt oder wegverordnet, da spürt man auf einmal die Hand an der Gurgel; immer, wenn wir um uns selber herumtanzen oder überzeugt sind von den ungeheueren Plänen. Gehen wir doch zurück zur einfachen Weisheit unserer Väter, dass man von Gott her leben und von Ihm her den Dingen gewachsen sein kann: Er hat uns zu ausgerüsteten Dienern des Neuen Bundes gemacht. Da sind wir vom Herrgott her befähigt, dem Leben zu dienen. Wir stammen nicht aus dem eigenen Einfall, wir stammen aus dem Segen Gottes. Wenn wir dies wieder zum Bewusstsein unseres Alltags machen, unseres alltäglichen Lebens – dann hören wir auf, diese Dürftlinge zu sein; denn was uns begegnet – es steht immer da der herrscherliche Gott. Je mehr wir uns auf diese Tatsache des Herrgotts stellen, um so mehr stehen wir auf festem Boden.“

(Gesammelte Schriften Band 3, S.354)

Eine mögliche Konseqenz: Wenn wenigstens die Christen – als Einzelne und in ihren Gemeinschaften – Gott den Herrn sein lassen, könnte das Anstoss sein für ein globales Nachdenken darüber, was denn in unserer konkreten Ordnung von Wirtschaft und Gesellschaft de facto der oberste Wert ist.

August 2012

In der Mitte des Jahres 1944 hatte Alfred Delp in den von ihm geleiteten Gottesdiensten in St. Michael und St. Georg in München Menschen vor sich, von denen vielen schweres Leid widerfahren war: durch den Verlust von Familienmitgliedern in den Bombennächten oder an den Fronten des Krieges oder wegen Verfolgung, durch das Gefühl der Ohnmacht gegenüber dem politischen System ….
In diese Situation hinein stellt er die Geschichte vom „sinkenden Petrus“ (Matthäusevangelium 14, 22-33):

„Wenn uns der Sturm drückt, heißt es die Augen aufmachen: Irgendwo kommt der Herrgott über die Wogen und die Seele muss dann wach sein und den Herrn noch erkennen und ahnen und spüren: Hier gehen Gottes Winde, hier gehen Gottes Schicksale, hier heißt es das Herz wachsam halten, aber das eine nicht tun: verzweifeln. Und das andere nicht tun: Den Herrgott übersehen, der überall in diesen Stürmen vor uns stehen wird und sagen wird: `Fürchtet Euch nicht` … Das wache Menschenherz und der Herrgott, beide zusammen werden es schaffen; der Mensch allein wird sinken.“ (Gesammelte Schriften Bd. 3, S. 244 f.)

Das „Sinken“ stellt sich unterschiedlich dar: als Verbitterung, als Zynismus, als unbedingter Wille zur Selbstbehauptung … Delps Aufruf zur Wachsamkeit ergibt sich aus dem Glauben an die Menschwerdung Gottes, durch die er seine Geschöpfe bis in die äußerste Verlorenheit ihrer Existenz begleitet.

Juli 2012

In seinem geistlichen Testament aus der Haftanstalt Berlin-Tegel schreibt Alfred Delp zum „Schicksal der Kirchen“, nachdem er einige Grundvoraussetzungen formuliert hat dafür, dass man wieder auf das Wort der Kirchen hören wird:
„Dies alles aber wird nur verstanden und gewollt werden, wenn aus der Kirche wieder erfüllte Menschen kommen. PLEROMA, die Fülle: das Wort ist wichtig für Paulus. Ist noch wichtiger für unser Anliegen. Die erfüllten Menschen, nicht die heiilsängstlichen und pfarrerhörigen erschreckten Karikaturen. Die sich wieder wissen als Sachwalter und nicht nur als S a c h walter Christi, sondern als die, die gebetet haben mit aller Offenheit: fac cor meum secundum cor tuum*. Ob die Kirchen den erfüllten, den von göttlichen Kräften erfüllten schöpferischen Menschen noch einmal aus sich entlassen, das ist ihr Schicksal. Nur dann haben sie das Maß an Sicherheit und Selbstbewusstsein, das ihnen erlaubt, auf das dauernde Pochen auf „Recht“ und „Herkommen“ zu verzichten. Nur dann haben sie die hellen Augen, die auch in den dunkelsten Stunden die Anliegen und Anrufe Gottes sehen. Nur dann schlagen in ihnen die bereiten Herzen, denen es gar nicht darum geht, festzustellen , wir haben doch recht gehabt.; denen es nur darum geht, im Namen Gottes zu helfen und zu heilen.“ (Ges. Schr. Band 4, S. 322)
· „Forme mein Herz nach deinem Herzen“

Juni 2012

Alfred Delp war auf dem 98. Deutschen Katholikentag, zu dem vom 16. bis 20. Mai in seine Geburtsstadt Mannheim eingeladen war, in vielfacher Weise und höchst eindrucksvoll  präsent. Neben mehreren Veranstaltungen unterschiedlicher Träger, die sich dem Erbe und Auftrag dieses Propheten und Martyrers zuwandten, beriefen sich die höchsten Repräsentanten der katholischen Kirche – unter Bezugnahme auf das Motto des Katholikentages „Einen neuen Aufbruch wagen“ – ausdrücklich auf Alfred Delp: Papst  Benedikt XVI. in seiner Grußbotschaft, Erzbischof Zollitsch bei mehreren Gelegenheiten und Alois Glück, der Vorsitzende des Zentralkomitees in seinem Schlusswort.

Hätte Alfred Delp selbst beim Mannheimer  Katholikentag eine Kirche im Aufbruch erkannt?
Sein Text zur „Zukunft der Kirchen“, niedergeschrieben im Gefängnis Berlin-Tegel im Spätjahr 1944, beginnt mit den folgenden Sätzen: „Das Schicksal der Kirchen wird in der kommenden Zeit nicht von dem abhängen, was ihre Prälaten und führenden Instanzen  an Klugheit, Gescheitheit, `politischen Fähigkeiten` usw. aufbringen. Auch nicht von `Positionen`, die sich Menschen aus ihrer Mitte erringen konnten. Das alles ist überholt.“ Diese Sätze, bei einer Podiumsveranstaltung zu „Alfred Delp: Erbe und Auftrag“ in den Raum gestellt, fanden spontan und allgemein Zustimmung. Wie aber stellt sich die Realität dar? Klebt die Kirche, trotz aller verbalen Beteuerungen ihrer Lernbereitschaft, nicht immer noch am „Überholten“, intern und beim Versuch, ihrem Weltauftrag gerecht zu werden?

Entscheidend dabei ist für Delp, dass sie den Weg zu den heutigen Menschen findet. Das wird ihr nur gelingen durch „Rückkehr in die Diakonie“ – wobei „Diakonie“ umfassend verstanden wird, also den ganzen Menschen im Blick hat. Delp versteht sie als „das Sich-Gesellen zum Menschen in allen seinen Situationen mit der Absicht, sie ihm meistern zu helfen, ohne anschließend irgendwo eine Spalte oder Sparte auszufüllen.“ Wenn die Kirche schon den eigenen Gliedern gegenüber zum `Sich-Gesellen` sich nicht bereit finden kann, weil sie an Strukturen hängt, die irgendwann von Menschen geschaffen wurden, dann wird sie weiterhin an Glaubwürdigeit verlieren.

Noch einmal Alfred Delp – im Rückgriff auf die Beispielerzählung vom Barmherzigen Samariter: „Immer noch liegt der ausgeplünderte Mensch am Weg. Soll der Fremdling ihn noch einmal aufheben?“
Gewiss: Delp gehört auf den Katholikentag – nicht selektiv gelesen, sondern ganz, und unter Würdigung der Tatsache, dass das Opfer des Lebens sein Zeugnis besiegelt.

(Zitate aus: Ges. Schrifen Band 4, S. 318-322)                           Günther Saltin

Mai 2012

Vom 16. - 20. Mai lädt der 98. Deutsche Katholikentag in Delps Geburtsstadt Mannheim ein. Das Motto “EINEN NEUEN AUFBRUCH WAGEN” greift ein Grundmotiv des Lebens und Wirkens Delps auf. In einem Vermächtnis-Text, abgefasst im Spätjahr 1944 “im Angesicht des Todes” während der Haft in Berlin-Tegel stellt er die Frage nach einem neuen Aufbruch der Kirchen, die in eine Sackgasse geraten sind und den Weg zu den Menschen dieser Zeit nicht mehr finden können, wenn sie nicht zu radikaler Umkehr bereit sind. Dabei stellt er - als Anregung zu Gewissenserforschung und Neuorientierung - eine Reihe von Beobachtungen und Fragen zusammen, denen auch die Kirche heute sich stellen sollte (die Auswahl der Fragen ist orientiert am Thema “Aufbruch”):

“Die meisten Menschen der Kirche und die amtliche Kirche selbst müssen einsehen, dass für die Gegenwart und ihre Menschen die Kirche nicht nur eine unverstandene und unverstehbare Wirklichkeit ist, sondern in vieler Hinsicht eine beunruhigende, bedrohliche, gefährliche Tatsache. Wir laufen auf zwei Parallelen, und es führen keine verbindenden Stege hinüber und herüber. Dazu kommt, dass sich jede der beiden Instanzen - die `natürliche` und die `übernatürliche`- der andern gegenüber als zuständiger Richter vorkommt. Für die Kirche ergibt sich daraus eine mehrfache Verpflichtung:

(Ges. Schriften 4, 322 f.)

Ein Kommentar zu diesem Text findet sich in: Alfred-Delp-Jahrbuch 5/6 (2011/12), S. 56 - 61: Petro Müller, Zu Delps Text “Das Schicksal der Kirchen”.

April 2012

In einer Predigt zu Ostern 1943 hebt Alfred Delp als Mitte der Osterbotschaft die Entmachtung der “drei Würgengel des Menschen” hervor: des Todes, der Schuld und der Ohnmacht, um daraus die Folgerung zu ziehen:
“..... Jetzt erst kommt dieses eine zu Bewusstsein, dass der Mensch festen Grund unter den Füßen hat, dass seit Christus das Dasein neu gegründet ist, dass der Tod nur noch das Tor zum Leben ist. Was wäre das Leben heute ohne diese Gewissheit, dass dies nichts Endgültiges ist, was da an zerschlagenem Menschentum landauf und -ab die Welt erfüllt mit Trauer und Wehmut, wenn wir dem als einer endgültigen Ordnung gegenüberstehen müssten! Wie wäre das Leben erwürgt und der Gewalt verfallen, wenn wir nicht die Gewissheit hätten, dass die Schuld, die eigene Not und die Schuld, die wie eine Lawine die Menschheit anfallen und zerreißen kann, dass das Dinge sind, die grundsätzlich bereits behoben sind und die man tatsächlich immer wieder beheben kann; dass das Ohnmachtsgefühl des Menschen etwas ist, das nicht mehr am Platze ist. `Ich kann alles in dem, der mich stärkt.` Das ist die Botschaft der inneren Stärkung, dass man in der wandelnden Gnade des Herrgotts, in di esem wunderbaren Ostergeschenk des siebenfachen Stromes* wachsen kann über die eigene Dimension hinaus. Wenn wir heute nichts mehr einzusetzen hätten als uns selber, dann stünden wir bald verbraucht da und am Ende; denn die Dinge sind stärker geworden als wir, das Dasein geht seine eigenen Gesetze auch in seiner Not und Abgründigkeit.

Dies das eine: Mensch der großen Zuversicht. Als solcher Mensch müssten wir aus dieser Osternacht und diesen Ostertagen herauskommen und von diesen Tatsachen her aufgerichtet werden. Dazu das andere, wie es in der Epistel steht: expurgate vetus fermentum.** Weg mit den alten Dingen: dieser ungeheure Mut zur ewigen sittlichen Erneuerung, zum ewigen Hochstreben, zur Wanderung: dass der Mensch das Recht und die Kraft und die Pflicht hat zu neuem Ausgreifen, niemals in seinem Leben etwas als endgültig anzusehen, bevor die letzte Stunde schlägt und bevor der Mensch Aug in Aug vor diesem Herrgott steht.”

(Gesammelte Schriften Ban, S.207 f.)

* Anspielung auf die sieben Sakramente
** “Schafft den alten Sauerteig weg!” (1. Korintherbrief 5, 7)

März 2012

 
  Alfred Delp vor dem Volksgerichtshof. Gemälde in Mischtechnik von Ruth Kiener-Flamm im Pater-Delp-Gemeindezentrum Hemsbach. Foto: J. Schwalbenhofer

Zum 4. Fastensonntag des Jahres 1943 predigte Delp über die Angst des Menschen, das eigene Leben zu verfehlen, über die Versuche, dieser Angst Herr zu werden (etwa durch die Sucht, alles möglichst selbst im Griff zu haben), und die Folgen der Angst (etwa: dass Menschen in ständigem “Alarmzustand” leben). Die Predigt schließt mit der an alle gerichteten Ermutigung zum Vertrauen auf Gottes Interesse an jedem einzelnen Menschen):

“Wir sollen daran glauben, dass die brausende Kraft Gottes unser innerster Besitz wurde. Wir brauchen nur unser Innerstes dem Herrgott aufzuschließen und er wird unser Leben durchdringen und durchbluten und vergöttlichen. Dies sind keine Sprüche. Gottes Wort muss man ernst nehmen. Kann ein Mensch trostlos sein und innerlich Wunden tragen, die nicht heilen, der sich durchströmt weiß von der Glut des Herrn? In dieser persönlichen Beziehung muss der Mensch in der Leidenschaft zu Gott stehen; dann wird die Menschheit haben, was sie braucht: den zuversichtlichen Menschen, der um einen Sinn weiß, den man nicht streichen, und um eine Kraft, die man nicht brechen kann.
Wir müssen nur ernst nehmen, was gesagt ist. Die Verwirrung geht heute bis ins Theologische und Metaphysische hinein. Die Gesundung muss von der Wiederherstellung des Menschen in diesen Räumen ausgehen. Wir werden dann den Menschen haben, der das österliche Wort wahr macht: Tod, wo ist dein Stachel? Hölle, wo ist dein Sieg? (1 Kor 15, 54 f.). Wir werden die Menschen sein, die unerschrocken sind, weil sie gerüstet und getröstet sind vom Herrn des Himmels und der Erde.”

(Gesammelte Schriften Band 3, S. 198 f.)

Februar 2012

Im kirchlichen Brauchtum und im Volksglauben spielt im Monat Februar LICHT eine herausragende Rolle - Anlass dazu, sich einzulassen auf Alfred Delps Gedankenen zur Bitte “Veni lumen cordium” (“Komm, Du Licht der Herzen” - Meditation zur Pfingstsequenz im Gefängnis Tegel 1944/45) :

“Licht der Herzen! Noch einmal die Begegnung mit Gott als dem Licht, das die kreatürliche Düsternis und Kümmerlichkeit überwindet. Noch oft wird der Geist das Licht genannt werden. Dass es sich bei der Begegnung mit dem Geist Gottes um eine Begegnung mitten im Leben handelt und um eine Heilung des Lebens an seinen Quellen und Wurzeln, zeigt dieses wundervolle Wort: Licht der Herzen!
Der Mensch lebt nicht von seinen Gedanken und leidet nicht an seinen Gedanken, solange diese nicht eine Leidenschaft oder eine Last seines Herzens geworden sind. Die Verwirrung des Herzens ist die tiefste Verwirrung, die den Menschen überfallen kann. Ein Mensch ist soviel Mensch, als er Herz einzusetzen hat und Herz einsetzt. Das heißt, als er liebt.
Damit ist ein Schlüssel zum Menschenleben und zur Menschengeschichte gefunden, der viele Rätsel aufschließt. Die Geschichte der Menschen ist die Geschichte der menschlichen Leidenschaften. Und die Geschichte der menschlichen Torheiten ist die Geschichte der unerleuchteten Herzen. Dass der Mensch in der Entscheidungsmitte des Daseins verwirrt und unsicher und instinktlos werden kann, das ist seine größte Gefährdung. Und dass er so oft instinktlos geworden ist, das ist sein Unglück. Herz steht hier für die Lebensmitte des Menschen, in der seine Fähigkeiten, seine Wünsche, seine Nöte, seine Sehnsüchte sich in eine Entscheidung, einen Impuls, eine Hingabe sammeln.
Und hier, in dieser Herzmitte des Daseins, soll Zelt und Tempel des Heiligen Geistes werden. Das ist ja seine Art und seine Ordnung, den kreatürlichen Lebensweisen sich innerlich einzufügen, ihre Lebensäußerungen mitzuvollziehen und sie so auf seine Höhe und Dichtigkeit und Sicherheit heraufzuholen. Lumen cordium: wir sollen oft darum beten. Dass unser Herz im richtigen Rhythmus bleibt und das richtige Gespür hat. Um das Gespür handelt es sich hier, nicht um den Satz und die klare Aussage, sondern um das Gespür und den richtigen Instinkt. Wenn unser Herz richtig schlägt, ist alles in Ordnung.Der Geist Gottes erbarme sich dieses armen, törichten, hungernden und frierenden, einsamen und verlassenen Herzens und erfülle es mit der wärmenden Sicherheit seiner Gegenwart.”

(Gesammelte Schriften Band 4, S. 268 f.)

Januar 2012

Zu Epiphanie 1945 schrieb Alfred Delp, Gestapo-Häftling in Berlin-Tegel, wenige Tage vor Eröffnung seines Prozesses vor dem “Volksgerichtshof” eine Betrachtung nieder, die er Freunden und Mitbrüdern in der Freiheit auf geheimen Wegen zukommen ließ. Er betrachtet die Gestalten der “Sterndeuter aus dem Osten” als die, die zum Stall von Bethlehem finden konnten, weil sie “die Wüste bestanden”, und wendet den Begriff der “Wüste” an auf seine (und unsere) Zeit:

“Es steht schlimm um eine Welt, wenn in ihr kein Platz mehr ist für die Wüste und den leeren Raum. Wenn alles erfüllt ist mit Lärm und Verbindungen und Kanälen und Verkehrsadern usw. Bestimmte Bezirke der Welt sollte der Mensch dem einsamen Menschen überlassen. Damit jedem immer die Möglichkeit erhalten bleibe, es mit der Abgeschiedenheit wenigstens zu versuchen. Das Gesetz des totalen Nutzens und der totalen Zweckmäßigkeit ist kein Gesetz des Lebens. Wüste und gelungenes, gesegnetes Leben stehen in einem bestimmten Verhältnis zueinander. Die Welt, in der alle Einsamkeiten voll Lärm sind und alle schweigenden Musen zu Lasteseln degradiert und alle schöpferischen Quellen für die klappernden amtlichen Mühlen dienstverpflichtet wurden, diese Welt hatte die Wüste und ihre einsame Bewährung überwunden und sie hat dafür die Verwüstung eingetauscht.
Die Wüste gehört dazu. Die `Preisgegebenheit` nannte das ein lieber Mensch, dem ich für dieses Wort danke. Allein und schutzlos den Winden und Wettern, dem Tag und der Nacht und den bangen Zwischenstuden preisgegeben. Und dem schweigenden Gott. Ja, auch dies ist eine, nein, es ist die Preisgegebenheit. Und hier wächst die zur Erlangung der Freiheit wichtigste Tüchtigkeit des Herzens und Geistes: die Unermüdlichkeit.”

(Gesammelte Schriften Bd. 4, S. 221)

Dezember 2011

Alfred Delp gestaltete die Zeit seiner Haft in Berlin (zuerst im Gestapo-Gafängnis Lehrter Straße, dann in der Haftanstalt Tegel) von Ende Juli 1944 bis zu seiner Hinrichtung am 2. Februar 1945 im Rhythmus des Kirchenjahres. Zu den liturgischen Texten der Sonntage des Advent 1944 schrieb er Meditationen nieder, die er auch seinen Mithäftlingen und Freunden außerhalb des Gefängnisses auf geheimen Wegen zukommen ließ.
Den ersten Sonntag im Advent stellte er unter die “Botschaft vom kommenden Gott”. Damit diese wirklich verstanden wird, müssen “zwei Sachverhalte” anerkannt sein:

“Der erste Sachverhalt: Einsicht in und Erschrecken über die Ohnmacht und Vergeblichkeit des menschlichen Lebens hinsichtlich einer letzten Sinngebung und Erfüllung. Ohnmacht und Vergeblichkeit sowohl als Seinsgrenze wie als Schuldfolge. Dabei zugleich das helle Bewusstsein, dass letzte Sinngebung und Erfüllung dazu gehören.
Der zweite Sachverhalt: Die Zusage Gottes, sich auf unsere Seite zu begeben, uns entgegenzukommen. Der Entschluss Gottes, die Seinsgrenze aufzuheben und die Schuldfolge zu überwinden.
Daraus aber ergibt sich, dass die Grundverfassung des Lebens immer adventlich ist: Grenze und Hunger und Durst und Unerfülltheit und Verheißung und Bewegung aufeinander zu. Das heißt aber, im Grunde bleibt der Mensch ungeborgen und unterwegs und offen bis zur letzten Begegnung. Mit aller demütigen Seligkeit und schmerzhaften Beglückung dieser Offenheit.
Es gibt also das Endgültige vorläufig nicht und der Versuch, Endgültigkeiten zu schaffen, ist eine alte Versuchung des Menschen. Hungern und Dürsten und Wüstenfahrt und Notseilgemeinschaft gehören zur Wahrheit des Menschen.

Dieser Wahrheit sind die Verheißungen gegeben und nicht der Anmaßung und der Einbildung. Aber dieser Wahrheit sind wirklich Verheißungen gegeben, auf die man sich verlassen kann. `Die Wahrheit wird Euch frei machen:`(Joh 8, 32) ... “

(Ges. Schriften Bd. 4, S. 156 f.)

November 2011

Am Fest Allerheiligen wird in unsern Kirchen der Text der “Seligpreisungen” aus der Bergpredigt Jesu als Evangelium vorgetragen. Alfred Delp nahm an Allerheiligen 1941 die von den Nationalsozialisten gerechtfertigte und praktizierte “Todeshilfe” zum Anlass zu fragen, ob es dem Menschen erlaubt, ja ob es ihm überhaupt möglich sei, durch die “Flucht vor dem Harten” sein Glück zu finden. Delp schließt seine Predigt mit Sätzen, die sich jeder auch heute noch zu Herzen nehmen sollte:

“Das (gemeint sind die Seligpreisungen Jesu) ist der Blick ins Leben von unserem heiligen Berg aus. Wenn wir hören `beati estis, selig seid ihr`, dann ist das immer gebunden an eine Verheißung, an eine Bewährung: Wenn ihr Hunger und Durst habt ... Wenn ihr Verfolgung leidet ... Wenn ihr aushaltet ... Wenn ihr in Ordnung bleibt ... Wenn ihr das Leben durchhaltet, so wie es gestellt ist und nicht aus eigenem Recht und eigener Macht und eigener Zuständigkeit Innerlichstes anrühren und ummodeln wollt.

Das ist der Sinn unserer Feste, wenn wir Allerheiligen feiern und diese große Idee vom Menschen haben und uns zu ihr bekennen, dass wir uns zum Menschen bekennen. Das wird eine Entscheidungsfrage sein, ob wir Christen fähig und willens sind, uns schützend nicht nur vor den Christen, sondern vor die Kreatur zu stellen. Der Christ stirbt mit dem Menschen und alles stirbt mit dem Menschen. Der Mensch ist das, was Gott als sein Ebenbild ins Leben entlassen hat und dem er verheißen hat: Der Lohn wird groß sein und herrlich im Himmel.”

Oktober 2011

Am 5. Oktober 1943 - mitten im Chaos des Krieges und, nach Stalingrad, in Erwartung der totalen Niederlage der deutschen Wehrmacht und einer völlig ungewissen Zukunft, predigte Alfred Delp über das Vertrauen, dass aus dem Scherbenhaufen der Geschichte eine bessere Welt wird, als Grundhaltung des Christen. Solches Vertrauen wurzelt nicht in den eigenen Fähigkeiten, sondern in der in Christus offenbar gewordenen Zusage Gottes.
Ein solches Wort kann auch der verzagten Christenheit in unserm Land heute gut tun:

“Es kann in jedem einzelnen Leben und im Leben der Völker Zeiten geben, wo alles am Boden liegt, wo man vor zugeschlagenen Türen steht, vor Scherben. Es wird wohl jeder durch solche Stunden und Zeiten geschickt. Vielleicht stehen wir vor Türen, die wir selbst zugeschlagen, vor Stunden, die wir selbst innerlich verbaut haben. Da bleibt immer nur dies Eine: das sind Durchgangsstadien, nicht weil da irgendwo ein Schlagwort aufkommt. Man kann stundenlang vor Scherben stehen müssen, aber man darf nicht vergessen: Hinter uns steht die Bürgschaft des Herrgotts zu der Menschheit, das Kreuzesopfer des Herrn. Darauf kann man sich verlassen. Wir müssen uns den Herrgott so innerlich heranbeten und heranholen, dass wir wieder wissen, man kann sich auf ihn verlassen. Und so kann man das Leben an sich herangehen lassen. Der Atem wird uns nicht ausgehen, weil es nicht Atem des Menschen ist, sondern Atem Gottes.”

(Ges. Schr. Bd. 3, S. 255 f.)

September 2011

Alfred Delp wurde am 15. September 1907 in Mannheim (Wöchnerinnenasyl Luisenheim) geboren und am 17. September vom Vikar der zuständigen Pfarrei St. Ingantius und Franz Xaver (Jesuitenkirche) getauft.
Im Sommer oder Herbst 1941 hielt Delp einen siebenteiligen Predigtzyklus zu den Sakramenten unter dem Titel: “VON DER SIEBENFACHEN NOT UND DER SIEBENFACHEN ERLÖSUNG DER WELT”. Darin heißt es zur TAUFE:

“Wenn der Mensch an die Wirklichkeit dessen glaubt, was da am Anfang unseres Lebens geschehen ist

Wie stehen wir dann vor den Dingen? Ist nicht gerade all das, was im Erlebnis des Lebens als Not sichtbar wurde, gebändigt, überboten, innerlich gelöst? Ist nicht der gehemmte Blick aufgebessert und aufgewertet durch Licht, Wahrheit, Gnade, Führung? Ist nicht die gehemmte Kraft innerlich gefestigt durch Wiedergeburt, durch Gnade, durch Segnung? Ist nicht der unverstandene Tod und das unverstandene Leid gemeistert, indem wir getauft sind auf den Tod eines lebendigen Gottes? Ist nicht der Dämonie des Lebens die letzte Zuständigkeit genommen, sie mag uns anfallen in allen Formen, in tausend Gestalten? Können wir nicht aus diesem Grundvollzug heraus eine Sicherheit gewinnen, die und überlegen macht? Ist da nicht die Not der Welt erlöst? Sind wir nicht selber einfach befähigt und berufen, als erlöste Welt dazustehen und zu dokumentieren, dass auf all diese Fragen und all diese Sorgen und Nöte eine Antwort geschehen ist? Das ist unsere Möglichkeit, das ist unsere Veran twortung, das ist wirklich unsere Pflicht: das Reine rein zu halten, das brennende Licht brennen zu lassen ....”

(Ges. Schr. 3, S. 314 f)

 

August 2011

 

“Der Mensch vor sich selbst” - unter diesem Titel erschien postum 1955 im Alsatia-Verlag Colmar die vielleicht bedeutendste philosophische Schrift Alfred Delps. Die Veröffentlichung war früher geplant, konnte aber in den Wirren der letzten Kriegsjahre nicht mehr realisiert werden. Der Text der kleinen Schrift beruht auf einigen Vortragsmanuskripten und gibt so einen Einblick in das, worum es dem jungen Jesuiten immer und überall ging: In einer Flut von Propaganda und Fremdbestimmung vor allem jungen Menschen Mut zu machen, sich als Individuen zu begreifen.

Der Mensch kann “auf vieles verzichten, nur nicht auf die Frage nach sich selbst. Solange er suchend und sachwillig* sich durchforscht, ist er auf dem Weg zu sich selbst, zu seiner Echtheit und auch zur Erfüllung und Leistung seiner selbst; solange lebt er aus eigener Entscheidung und auf eigene Verantwortung. Der Verzicht auf die Frage ist der Verzicht auf die erste Quelle bewußten, das heißt menschenwürdigen Lebens. Er drängt den Menschen ab von seiner Höhe, er ermöglicht die unmenschliche Entscheidung der Masse, der Herde, des getriebenen und verführten Menschen, des ewigen Objektes fremder Entscheidungen und Vergewaltigungen. Es bleibt der Mensch, der von sich und seinen Weiten und Größen keine Ahnung hat und schließlich doch nur eine Karikatur, einen kläglichen Restbestand des eigentlichen Menschen darstellt.

Der erste Schritt zu sich selbst ist die Frage an sich, in aller Strenge und Nüchternheit, mit allem Ernst und aller harten Zucht, die das Fragen mit sich bringt. Aber auch mit aller Aussicht, wirklich einmal endgültig zu sich selbst zu kommen.”

“sachwillig”: im Sinn von realistisch, wahrhaftig, die eigenen Grenzen akzeptierend

(Aus: Ges. Schriften Bd. 2, S. 491 f.)

Juli 2011

Jeder Mensch braucht Zeiten, in denen er sich rückbesinnt auf die Grundlagen seiner Existenz, um seinem Leben verlässliche Orientierung zu geben. Eine Hilfe für solch eine Art von Besinnung kann die "Vater-unser-Meditation" von Alfred Delp sein. Sie ist entstanden in einer Situation, in der Delp selbst sich vergewissern musste, was sein Leben trotz des sicher bevorstehenden Todes (Das Todesurteil wurde gesprochen am 11. Januar 1945) trägt.

Gott als Vater: als Ursprung, als Führung, als Erbarmen, das sind die inneren Gewalten, die den Menschen diesen Stürmen und Überfällen gewachsen machen. Und es wird hier mehr berichtet als nur eine Botschaft, eine Wahrheit. Dem Glaubenden geschieht die Väterlichkeit, das Erbarmen, die bergende Kraft in tausend stillen Weisen, mitten in all diesen Überfällen und Aussichtslosigkeiten und Preisgegebenheiten. Gott hat Worte, wunderbarer Tröstung und Erhebung voll. Gott hat Wege zum Menschen in alle Verlassenheiten hinein. All das andere hat seinen Wert, weil es hilft, dem Vater-Gott neu zu begegnen.

(Aus: Ges. Schriften, Bd 4, S. 226)

Juni 2011

 

Zu den wichtigsten spirituellen Texten Alfred Delps gehören seine Meditationen zu den Anrufungen der Pfingst-Sequenz: Veni Creator Spiritus. Sie sind entstanden im Gefängnis Berlin-Tegel wohl in Zusammenhang mit der mit andern Gefangenen gemeinsam gebeteten Novene zum Heiligen Geist im Hinblick auf den Prozess vor dem „Volksgerichtshof“.

Der nicht zu Ende gebrachte Text schließt mit den folgenden Sätzen:

„Die Verwirklichung des wunderbaren Lebens im Heiligen Geist ist auch auf unser Vertrauen gestellt. Wir sind trotz des Geistes, der uns innewohnt, oft so müde und furchtsam, weil wir dem Geist Gottes nicht zutrauen, aus uns etwas zu machen. Wir glauben der eigenen Dürftigkeit mehr als den schöpferischen Impulsen des Herrgotts, der in uns unser Leben mitlebt. Darauf kommt es an, auf das Vertrauen, dass wir immer noch geeignet sind, uns den schöpferischen Segnungen Gottes zu ergeben und unter diesen Segnungen erfüllte und lebenstüchtige Menschen zu werden. Selig, die Hunger und Durst haben ...“.
(Alfred Delp, Ges. Schriften Bd. 4, S. 305)

Der gesamte Text findet sich in der mehrmals aufgelegten Sammlung von Delps Texten aus der Haft: „Im Angesicht des Todes“.

Dezember 2009

Seit Jahren ist die Zeit vor Weihnachten in der Gestaltung des Geschäftslebens, der Vermarktung von Traditionen usw. zu einer Zeit des öffentlichen Zankens geraten, dessen Gegenstand den eigentlichen Sinn des Festes pervertiert.
Wie sollten die Christen sich verhalten?
Dazu Alfred Delp:
"Christus und die Kirche gelten in einem Volk immer so víel, als die christlichen Menschen wert sind, als sie kraft ihrer christlichen Vitalität, ihres strahlenden und werbenden Daseins ihre Umwelt meistern und mit hereinziehen in den göttlichen Strom, in dem sie selbst existieren. Die Menschen, die uns begegnen, müssen spüren, dass wir erlöste Menschen von heute sind, sie müssen dies auch dann spüren, wenn sie mit uns kämpfen!"

Erlöste Menschen ! Menschen von heute!

(Aus: A. Delp, Christ und Gegenwart. Ges. Schr. Bd. 2, S. 196)

November 2009

Alfred Delp und seine Freunde aus dem "Kreisauer Kreis", politische Häftlinge in der Strafanstalt Berlin -Tegel, erwarten den Prozessbeginn vor dem "Volksgerichtshof" (Richter Roland Freisler) zunächst für den 8. Dezember 1944. Als Katholiken und Protestanten führten sie miteinander ein intensives geistliches Leben im Rahmen des Kirchenjahres, bestimmt durch Lektüre der Heiligen Schrift, Gebet und - für die Protestanten - zumindest geistliche Mitfeier der von Alfred Delp zelebrierten Heiligen Messe.

Delp war es gelungen, die Freunde im Blick auf den Prozessauftakt zu einer gemeinsamen "Novene" (Gebet durch neun Tage hindurch auf ein besonderes Ereignis hin) zu bewegen, in der Hoffnung, dass Jesu Wort an seine Jünger sich auch an ihnen erfüllt:
"Wenn man Euch vor die Gerichte der Synagogen und vor die Herrscher und Machthaber schleppt, dann macht Euch keine Sorgen, wie ihr Euch verteidigen und was Ihr sagen sollt. Denn der Heilige Geist wird Euch in der gleichen Stunde eingeben, was Ihr sagen müsst !" (Lk 12, 11f)

Es ist anzunehmen, dass die Häftlinge die Texte der Novene zum Heiligen Geist ("Pfingstnovene") beteten.

Es fällt auf, dass die Offenheit der Gefangenen füreinander und die Bereitschaft, aus der jeweiligen konfessionellen Tradition und der persönlichen Erfahrung mitzuteilen, bzw. sich auf die der anderen einzulassen, mit der Bedrängnis wächst und reiche Frucht bringt - ein kostbares Vermächtnis an die Generation nach diesen Martyrern.
Wie gehen wir mit diesen Erfahrungen um?
Für Delp galt: "Die geschichtliche Last der getrennten Kirchen werden wir als Last und Erbe weitertragen müssen." Aber: "Es soll daraus nie mehr eine Schande Christi werden. .... der eine Christus ist doch ungeteilt und wo die ungeteilte Liebe zu ihm führt, da wird uns vieles besser gelingen als unsern streitenden Vorfahren." (an Eugen Gerstenmaier; Ges. Schriften 4, 76 f)

(Genaueres zur gelebten Ökumene in Tegel:
G. Saltin, Botschaften aus dem "Kloster zum harten Leben". Die "Una sancta in vinculis" im Gefängnis. In: Alfred-Delp-Jahrbuch 2 / 2008; LIT-Verlag Münster 2008, S. 130 - 150)

Oktober 2009

Der Oktober gilt als "Rosenkranzmonat". Alfred Delp hat, gerade weil seine Frömmigkeit stark theozentrisch und christozentrisch geprägt war, den Rosenkranz gern und oft gebetet.

Zu den wenigen Gegenständen, die man nach seiner Hinrichtung am 2. Februar 1945 in seiner Zelle fand, gehörte sein Rosenkranz.

Die Mutter Delps schenkte ihn später dem Jesuitenpater Adolf Kreuser, Sohn einer mit Alfred Delp befreundeten Familie in München-Bogenhausen und in seiner Entscheidung für den Priester- und Ordensstand stark vom Beispiel Delps bestimmt.

Pater Kreuser, am 22. Juli 2008 verstorben, zeigte Besuchern gern diesen Rosenkranz und erzählte, dass Alfred Delp oft mit Menschen, die sich in Not an ihn wandten, den Rosenkranz betete und ihnen so half, gerade in der Not dem Gott zu begegnen, der sich in der Menschwerdung ganz auf die Seite von uns Menschen stellt - eine Heilstatsache, die kein Mensch  wohl so tief verstanden hat wie die menschliche Mutter Christi. Deswegen ist das Beten des Rosenkranzes eine wunderbare Möglichkeit, tiefer in die Geheimnisse der Erlösung einzudringen.

September 2009

Am 15. September 1907 wurde Alfred Delp in Mannheim geboren und zwei Tage später katholisch getauft. Aufgrund der familiären Situation wurde er evangelisch erzogen, um dann mit 14 Jahren aus freien Stücken sich zur katholischern Kirche zu bekennen. Seine Kindheit und Jugendzeit war stark geprägt von den konfessionalistischen Streitigkeiten in der Familie und im kleinstädtischen Milieu.

Zu den größten Enttäuschungen seines Lebens gehörte die Tatsache, dass sich in der Zeit der Nazi-Diktatur die beiden großen christlichen Konfessionen nicht zu einer wirksamen Aktion im Namen der von Gott gegebenen  Menschenwürde aufraffen konnten.
Deswegen schrieb er im Gefängnis in Tegel "im Angesicht des Todes" an den evangelischen Mitkämpfer und Mithäftling Eugen Gerstenmaier, mit dem er - sozusagen durch die Zellenwand hindurch - über die Monate der Haft in intensiver geistlicher Gemeinschaft gelebt hatte, in einem Dankesbrief (Gestenmaier hatte Delp ein kleines Weihnachtsgeschenk zukommen lassen):

"31. Dezemberg 1944
L. G., herzlich Vergelts Gott für Deinen (...) und das (...). Das war ein schönes Weihnachtsgeschenk. Und wenn wir wieder draußen sind, wollen wir zeigen, dass mehr damit gemeint war und ist als eine persönliche Beziehung. Die geschichtliche Last der getrennten Kirchen werden wir als Last und Erbe weitertragen müssen. Aber es soll daraus niemals wieder eine Schande Christi werden. An die Eintopfutopien glaube ich so wenig wie Du, aber der Eine Christus ist doch ungeteilt und wo die ungeteilte Liebe zu ihm führt, da wird uns vieles besser gelingen als es unseren streitenden Vorfahren und Zeitgenossen gelang. - Ich habe auch außer der Messe das Sakrament immer in der Zelle und rede mit dem Herrn oft über Dich. Er weiht uns hier zu einer neuen Sendung. Alles Gute und seinen gnädigen Schutz.

Dein Delp"

(,,,) Die Punkte signalisieren unlesbare Textstellen.

(Aus: Gesammelte Schriften, Bd. 4, S. 76 f.)

August 2009

Die Zeit des Urlaubs kann als Chance gesehen und genutzt werden, den Grundtatsachen menschlicher Existenz neu zu begegnen. Dazu können die nachfolgenden Gedanken Alfred Delps aus einer Predigt zum 12. Sonntag nach Pfingsten Anregung sein:

"Echt kreatürlich leben...: Das heißt. Dauernd aus dem schöpferischen Jawort und aus dem Herzblut des Herrgottes leben. Wo ein Mensch oder eine Menschheit sich dies wegträumt oder wegverordnet, da spürt man auf einmal die Hand an der Gurgel, immer, wenn wir um uns selbst herumtanzen oder überzeugt sind von den ungeheuren Plänen. Gehen wir doch zurück zu der einfachen Weisheit unserer Väter, dass man von Gott her leben und von ihm her den Dingen gewachsen sein kann: Er hat uns zu ausgerüsteten Dienern des Neuen Bundes gemacht. Da sind wir vom Herrgott her befähigt, dem Leben zu dienen.

Wir stammen nicht aus dem eigenen Einfall, wir stammen aus dem Segen Gottes. Wenn wir das wieder zum Bewusstsein unseres Alltags machen, unseres alltäglichen Lebens - dann hören wir auf, diese Dürftlinge zu sein; denn was uns begegnet - es steht da immer der herrscherliche Gott. Je mehr wir uns auf die Tatsachen des Herrgottes stellen, um so eher stehen wir auf festem Boden."

(Aus: Gesammelte Schriften Bd. 3, S. 254)

Juli 2009

Manchem/mancher werden in den Tagen des Urlaubs - sei es zu Hause oder unterwegs, in einem Gotteshaus oder in einer Landschaft, die zu naturaler Meditation einlädt, - Momente geschenkt, die ihn/sie zum Wesentlichen hinführen. Manche nutzen das Geschenk der Muße, indem sie sich bewusst auf Zusagen des Glaubens einlassen. Dazu lädt Alfred Delp in einer Predigt seine Zuhörer in München-St. Georg (Pfarrei Heilig Blut) ein, indem er ihnen “Vier Sätze” der Zuversicht vorlegt. Der zweite dieser Sätze lautet:

“Wir wollen die Namen und Worte Gottes ernst nehmen. Gott macht keine Sprüche. Und Gott hat sich nicht nur den Herrn genannt, er nennt sich und ist der Vatergott. Wenn Gott sagt, in ihm ist die Vaterschaft der Menschen, dann kann der Mensch sich darauf verlassen und dann muss er von daher eine große Zuversicht haben. Tun wir endlich das langbärtige Onkelgesicht weg und lassen wir diesen glanzvoll majestätischen Gott als Vater in unser Bewusstsein kommen und in unserm Herzen siegen. Wie soll der Mensch noch erbeben vor irgend einer Macht, der weiß, dass der Herr der Herren sich bewähren will und muss als sorgender Vater. Lassen wir Gott seine Geheimnisse; wenn wir an dem festhalten, dass er der Vater ist, dann wird uns kein schwerer Weg schrecken.”

(Gesammelte Schriften Bd. 3, S. 197)

Den letzten Satz besiegelt Delp mit seinem eigenen Lebenszeugnis: Auch als er - in der Gefangenschaft der Gestapo - die Wege Gottes nicht verstand, hielt er an “Gott dem Vater” fest.

Juni 2009

Aus Alfred Delps Predigt zu Fronleichnam 1943.
Delps Engagement im “Kreisauer Kreis” um Helmuth James von Moltke und Peter Yorck von Wartenburg, das er mit dem Leben bezahlen sollte, sieht er selbst ganz im Licht seines Gottes, der in Jesus Christus für uns zum Brot geworden ist, damit wir das Leben haben (Festgeheimnis von Fronleichnam):

“Man kann diese Eucharistie nur ehrlich anschauen und nur dann ehrlich empfangen, wenn man zu ihr steht. Man muss dies eine verstehen, dass dies alles aus dem Opfer stammt und nur dann ehrlich zur Kenntnis genommen ist, wenn es wieder im Opfer mündet und gleichförmig macht. `Wer nicht liebt, bleibt im Tode ... daran haben wir die Liebe Gottes erkannt, dass er sein Leben für uns hingab...`(1 Jo 4, 8-9). Da wird diese Wandlung wieder sichtbar: wie ist das Verhältnis Mensch zu Mensch gewandelt, weil das Verhältnis Gottes zum Menschen gewandelt ist. Wie ist der Mensch um seiner eigenen Existenz willen verpflichtet, auf sich zu verzichten um des Menschen willen! Es geht nicht um das eigene Glück oder dass der Mensch immer um sich selber tanze, sondern dass wir uns einspannen. `Er hat uns hinausgeführt ins Weite`(Ps 17, 18) und hat den weiten Blick gegeben: es kommt nicht darauf an, sich selbst durchzusetzen, um zu sich selbst zu kommen, sondern über sich hinauszukommen und für den andern zu stehen und des Opfers würdig zu sein ...”

(Ges. Schriften Bd. 3, S. 230 f.)

 
Mai 2009

"Ein Mensch ist so viel Mensch, als er Herz einzusetzen hat und einsetzt. Das heißt, als er liebt ...
Herz steht hier für die Lebensmitte des Menschen, in der seine Fähigkeiten,seine Wünsche, seine Nöte, seine Sehnsüchte sich in eine Entscheidung, einen Impuls, eine Liebe,eine Hingabe sammeln. Und hier, in dieser Herzmitte des Daseins, soll Zeit und Tempel des Heiligen Geistes sein. Das ist ja seine Art und seine Ordnung, den kreatürlichen Lebensweisen sich innerlich einzufügen, ihre Lebensfunktionen und Lebensäußerungen mitzuvollziehen, und sie so auf seine Höhe und Dichtigkeit und Sicherheit heraufzuholen. `Lumen cordium`(`Licht der Herzen`):
Wir sollen oft darum beten. Dass unser Herz im richtigen Rhythmus bleibt und das richtige Gespür hat. Um das Gespür handelt es sich hier, nicht um den Satz und klare Aussage, sondern um das Gespür und den richtigen Instinkt. Wenn unser Herz richtig schlägt, ist alles in Ordnung.

Der Geist Gottes erbarme sich dieses armen, törichten, hungernden und frierenden, einsamen und verlassenen Herzens und erfülle es mit der wärmenden Sicherheit seiner Gegenwart!"

(Gesammelte Schriften Bd. 4, S. 268 f.)

April 2009

Von Alfred Delps Predigten ist auch eine Osterpredigt erhalten, vermutlich aus dem Jahr 1943. Delp war - neben seiner Referenten- und Seelsorgetätigkeit - rastlos unterwegs im Dienst am Neuaufbau Deutschlands(Kreisauer Kreis). Er versucht, seine Zuhörer teilnehmen zu lassen an jener christlichen Zuversicht, die ihn - trotz aller Triumphe des Bösen - trägt.
Thema der Predigt: "Das ist der Tag, den der Herrgott gemacht hat!" (Ps 117, 24)

"Das Dasein heute ist kein Leben für einen lauten Jubel, für irgendwelches Geschrei, auch nicht innerhalb der Kirche. Es gibt da heute Äußerungen der Freude, die Lätm sind, an dieser Zeit gemessen; aber das andere, diese verhaltene Ruhe und Sicherheit, die einen überkommt, wenn man weiß, man hat harte Wege vor sich, steile Höhen, aber man spürt in seinen Pulsen und Muskeln die Kraft und die Sicherheit, dass man den Dingen gewachsen ist. Es ist nicht mehr des Menschen Traum und Kraft, die uns sicher sein heißt in den ungeheuern inneren Umwälzungen des Daseins. Es ist die einzige echte Revolution und Umwälzung, die den Menschen je gelungen ist, w e i l  s i e  e i n  G o t t m e n s c h  a u s g e f ü h r t  h a t; die uns Zuversicht gibt, dass die Dinge in ihrer Ordnung bleiben und dieses `Ich habe die Welt überwunden` das Wort eines Gottes ist. Und für diesen Tag trägt die Garantie der Herrgott, der ihm das Stigma der Endgültigkeit gibt und uns diesen inneren Auftrag erteilt: Ich heiße euch hoffen und wandern, ich heiße euch kämpfen! Ihr sollt dies eine wissen: Ihr mögt Wunden tragen und in der Nacht sein - es wird Morgen sein! Es wird der Stein weg sein, es wird die Sonne aufgehen, es wird Sieg sein, weil alle Siege nur dann Siege sind, wenn sie Siege des Herrgottes werden."

(Gesammelte Schriften Bd. 3, 208 f.)

März 2009

Zum Vierten Fastensonntag 1943 predigte Alfred Delp in St. Georg, München-Bogenhausen, über die Angst der Menschen, sich selbst und ihre Berufung zu verfehlen, weil sie sich angesichts der bösen Zeit zu verantwortlichem Handeln verpflichtet sehen, anderseits aber nicht wissen, was konkret in ihrer Situation richtig ist. Delp versucht ihnen zu helfen, diese Lähmung zu überwinden, indem er ihnen einen alten theologischen Grundsatz erklärt:

Es gibt da “ein altes Wort des Glaubens und des Gebetes: Facienti, quod est in se, Deus non denegat gratiam. Das heißt, der Mensch soll vor die ganze Größe und Wirklichkeit Gottes geraten und soll sich von dieser ganzen Größe her ernst nehmen und wichtig nehmen. Der Mensch soll wissen: wir stammen aus der schöpferischen Liebe Gottes. Die ganze Liebe Gottes ist eingefangen in die Bereitschaft, uns heimzuholen. Der Mensch, der von sich aus tut, was er vermag, der seinen Geist ausgreifen lässt nach der Wirklichkeit Gottes, dem wird irgendwann die Herrlichkeit und Sicherheit Gottes aufgehen. Von Gott her gibt es keinen Verzicht auf den Menschen. Wenn ein Mensch sich aufreckt und Gott entgegenfiebert, dann mag dies in der verlorensten Ecke des Kosmos geschehen, dann mag dies in der erbärmlichsten Angst geschehen: die Ozeane Gottes werden in ein solches Leben einbrausen und ihm die Dämme und Wälle menschlicher Enge und Dürftigkeit wegreißen und wegschwemmen. Gott verzichtet auf kein Leben, das nicht von sich aus auf den Herrn verzichtet und von ihm sich scheidet.”

(Aus: Alfred Delp, Gesammelte Schriften 3, S. 196 f.)

Februar 2009

Am frühen Nachmittag des 2. Februar 1945 starb Alfred Delp am Galgen der Hinrichtungsstätte Berlin-Plötzensee gemeinsam mit Carl Goedeler und Johannes Popitz. Was er in seiner Zelle hinterließ, lässt Rückschlüsse zu auf die letzten Stunden vor seinem Tod: Mit seiner Brille ein Kreuz, seinen Rosenkranz und eine Ausgabe der "Nachfolge Christi", ausgeliehen aus der Gefängnisbücherei. Delp schätzte dieses Meditationsbuch aus der "devotio moderna" des frühen 15. Jahrhunderts, das von dem Augustiner-Chorherren Thomas Hemerken, genannt Thomas von Kempen niedergeschrieben worden war. Der eigentliche Autor ist nicht bekannt.
Den letzten Brief an seine Freunde schrieb Alfred Delp im Dialog mit dem Kruzifixus, den Gedanken der "Nachfolge Christi" nachsinnend:

"Ich sitze oft da vor dem Herrgott und schaue ihn nur fragend an.
Auf jeden Fal muss ich mich innerlich gehörig loslassen und mich hergeben. Es ist Zeit der Aussaat, nicht der Ernte. Gott sät; einmal wird er auch wieder ernten. Um das eine will ich mich mühen: wenigstens als fruchtbares und gesundes Saatkorn in die Erde zu fallen. Und in des Herrgotts Hand. Und mich gegen den Schmerz und die Wehmut wehren, die mich manchmal anfallen wollen. Wenn der Herrgott diesen Weg will, - und alles Sichtbare deutet darauf hin - dann muss ich ihn freiwillig und ohne Erbitterung gehen. Es sollen einmal andere besser und glücklicher leben dürfen, weil wir gestorben sind!"
(Alfred Delp, Gesammelte Schriften Band 4, S. 110)

Delps Gedanken entwickeln sich und fließen ein in den Dialog zwischen den Häftlingen, vor allem mit Helmuth James von Moltke und Eugen Gestenmaier. Ermöglicht wird dieser Austausch über die Zellenmauern hinweg durch Kassiber und mündliche Mitteilungen durch die beiden Gefängnispfarrer Peter Buchholz (kath.) und Harald Poelchau (ev.). Inhalte und Umstände dieses Austauschs sind beschrieben in:
Günther Saltin: Botschaften aus dem "Kloster zum harten Leben". In: Alfred-Delp-Jahrbuch 2/2008,S. 130 - 150 - sh. unter "Literatur" der Homepage.

Januar 2009

Der folgende Text ist jener Predigt entnommen, die Alfred Delp am Neujahrstag 1941 in München-Bogenhausen (St. Georg) hielt. Er bezieht sich darauf, dass die Kirche am 1. Januar das Fest des Namens Jesu feiert. Predigttext ist Vers 21 aus dem 2. Kapitel des Lukasevangeliums: "Und es ward ihm der Name Jesus gegeben":

"Was heißt das denn, es ward ihm der Name Jesus gegeben - oder: eine Welt, eine Zeit und ein Geschlecht soll diesen Namen tragen? Das heißt einmal, die Welt, die Zeit, das Jahr soll im Zeichen des Herrentums Jesu stehen. Jesus, das ist der verordnete Kyrios *, das letzte Wort Gottes an die Welt, die letzte Ordnung, die Gott der Herr der Welt gesetzt hat. Es ist kein anderer Name gegeben, in der der Menschheit Heil gegeben sei als dieser eine Name. Und dieser ist ein Name der Forderung, eine Name des Herrentums des Herrn.
Und was heißt, zum zweiten Mal, den Namen Jesu tragen? Im Erlösertum Gottes stehen, wissen, was Sünde und Irrtum ist, aber auch wissen, was Gnade und Erbarmen ist, wissen, dass wir leben aus diesem Heilswillen, aus diesem Heilsentschluss des Herrgotts zur Welt, wissen, dass im Herrn Jesus die letzte tragfähige Ordnung des Lebens gestiftet ist und dass der Herrgott in ihm das Leben noch einmal hergestellt hat, lebensfähig, lebenstüchtig gemacht hat und dass in ihm alles Leben hinaufgerissen ist in die Intimsphäre Gottes, in das innerste göttliche Gemeinschaftsleben hinein. Den Namen Jesus tragen, heißt im Erlösertum des Herrn stehen.
Und heißt drittens leben in einer klaren und bewussten und wirklich durchgehaltenen Ausrichtung auf den Herrgott, als dem Sinn, der Mitte des Lebens hin. Jesus war der große Ratschluss, der große Beauftragte, und er hat das Leben noch einmal hineingerissen in die rechte Ordnung und die rechte Ausrichtung. Und deswegen soll das Leben klares Maß kennen und klare Norm, klares Ziel und klare Haltung.
Das sollte es heißen und würde es heißen, den Namen Jesus tragen, den Namen des Heiles tragen."
(Gesammelte Werke Band 3, S. 144 f.)

* "Kyrios" (griech.) = "Herr" im universalen Sinn, eine vor allem in der paulinischen Theologie geprägte Prädikation Jesu.

Dezember 2008

Den Advent 1944 erlebte Alfred Delp als GeStaPo-Gefangener im Gefängnis Berlin-Tegel. Die Zellen neben ihm "bewohnten" Helmuth James Graf von Moltke und Eugen Gerstenmaier. Die "Kreisauer" warteten auf den Beginn des Prozesses gegen sie wegen Hoch- und Landesverrats.
Die Gefangenen standen mteinander in intensivem geistlichem Austausch. Der Kontakt lief vor allem über die beiden Gefängnispfarrer.
Delps wichtigster Beitrag ist jener Text, der unter dem Titel "Adventsgestalten" als Kassiber die Gefängnismauern verließ und auch Freunden draußen Trost und Hoffnung brachte.
Alfred Delp meditiert über den Rufenden in der Wüste (Johannes der Täufer) und den kündenden Engel (Verkündigung an Maria), um dann von der gesegneten Frau zu schreiben:

"Sie ist die tröstlichste Gestalt des Advent. Dass die Verkündigung des Engels das bereite Herz fand und dass das Wort Fleisch wurde und im heiligen Raum des mütterlichen Herzens die Erde weit über sich hinaus wuchs in die gottmenschliche Welt hinein:Das st die heiligste Tröstung im Advent.Was nützen  Ahnung und Erlebnis unserer Not, wenn keine Brücke geschlagen wird zum andern Ufer? Was hilft uns der Schrecken über Irrung und Wirrung, wenn kein Licht aufleuchtet, das dem Dunel gewachsen und überlegen bleibt? Was nützt uns der Schauder in der Kälte und Härte, in denen die Welt erfriert, je tiefer sie in sich selbst sich verliert und ertötet, wenn wir nicht zugleich von der Gnade erfahren, die mächtiger ist als die Gefährdung und die Verlorenheit? ...
So vielerlei adventlicher Trost geht von dieser verborgenen Gestalt der gesegneten und wartenden Maria aus. Dass dieser Erde gegeben ward, diese Frucht zu bringen! Dass die Welt vor Gott erscheinen durfte mit der bergenden Wärme, aber auch der dienenden und darum auch so sicheren Zuständigkeit des mütterlichen Herzens!
Die grauen Horizonte müssen sich lichten. Nur der Vordergrund schreit so laut und aufdringlich. Weiter hinten, wo es um die eigentlichen Dinge geht, ist die Lage schon anders. Die Frau hat das Kind empfangen, es unter ihrem Herzen geborgen und hat den Sohn geboren. Die Welt ist in ein anderes Gesetz getreten...."

(Alfred Delp: Im Angesicht des Todes. Hg. von Andreas R. Batlogg und Richard Müller. Band 21 in der Reihe "Ignatianische Impule". Würzburg 2007, S. 20 f.)

 

November 2008

Alfred Delp predigte zu Allerheiligen 1941 über das Evangelium des Festes, die “Seligpreisungen” der “Bergpredigt” Jesu: beati estis, selig seid ihr, wenn ... (Mt 5, 3).

Dabei kommt er ausführlich auf den Film “Ich klage an” zu sprechen, der 1941 von Wolfgang Liebeneiner gedreht wurde und anhand eines konkreten Falles zu zeigen versucht, dass es um des Glückes der Menschen willen nötig sein kann, so genanntes “lebensunwertes Leben” zu töten:
“Es ist in diesem Film viel die Rede von Glück und von Erlösung und vom Sinn des Daseins...... Die Ereignisse sind da: ein glückliches Familienleben, zwei Menschen, geschaffen füreinander, leben ineinander, wachsen miteinander von Erfolg zu Erfolg. Glückliches Leben und glückliche Atmosphäre und glückliche Herzen. Und dann wie ein Schlag da hinein die Erkrankung der Frau, die unheilbar fortschreitende Lähmung. Zuerst das Aufbäumen der Menschen, der Versuch, mit allen Mitteln diesen Dämon zu bezwingen, und dann stehen die Menschen an den Grenzen ihrer Macht, und dann eben die Lösung, die Erlösung: Dies kann man den Menschen nicht antun, dass man ihn so leiden lässt und man ... erlöst ihn. Der Mensch stirbt, bevor sein Leiden ausgetragen ist.

Das ist auch eine Botschaft vom glücklichen Menschen. Es ist da auch ein beatus ausgesagt, nicht als Verheißung, sondern als Vollendung: Der Mensch soll glücklich sein und Glück schaffen und wenn er das nicht mehr kann, beginnt sein Leben sinnlos zu werden und das Sinnlose ist im Grunde haltlos und rechtlos und stirbt....

Das Ganze ist Flucht vor der totalen Härte des Leids, das als Geschick und Fügung dem Menschen gegeben wurde und nicht als irgendeine bigotte Verzerrung, wie der Mann, der im Film den Herrgott vertritt, es darstellen möchte; dass das als Fügung gegeben ist, dass das genau so Auftrag ist wie jeder Beruf, wie jede Arbeit und alles, was dem Menschen als Leistung abgefordert wird. Da eigentlich ist der Appell an das Letzte im Menschen, wo er an seinen Grenzen liegt und man die Grenzen aushalten soll. Es ist verderblich, in einer Zeit, die nur bestehen kann, wenn der Sinn für Opfer, der Einsatz bis zum Letzten bleibt, den Menschen diese Schwäche zu predigen, an den Genzen auskneifen zu dürfen....

Selbst wenn sämtliche Organe des Menschen eingeschlummert sind und er nicht mehr als Mensch sich äußern kann, er bleibt doch Mensch und er bleibt der dauernde Appell an den inneren Adel, an die innere Liebesfähigkeit und an die Opferkraft derer, die um ihn herum leben. Nehmt den Menschen die Fähigkeit, ihre Kranken pflegen und heilen zu können, ihr macht aus den Menschen ein Raubtier, ein egoistisches Raubtier, das wirklich nur noch sein schönes Dasein kennt.....”

(Alfred Delp, Gesammelte Schriften 3, S. 265 ff)

Oktober 2008

Am 12. Oktober gestaltet die Alfred-Delp-Gesellschaft Mannheim e. V. eine Exkursion “Auf den Spuren Alfred Delps in seiner Heimatregion”. Eine der Stationen ist der Park des ehemaligen Bischöflichen Konviktes in Dieburg. Dort erinnert ein von Professor Thomas Duttenhoefer (Fachhochschule für Gestaltung in Mannheim) geschaffenes Werk an Persönlichkeit und Schaffen Alfred Delps. Grundidee des Males ist der Brunnen. In seiner im Gefängnis abgefassten Meditation zur Pfingstsequenz finden sich folgende Worte zu diesem Ursymbol:
“In uns selbst strömen die Quellen des Heiles und der Heilung. Gott ist als ein Brunnen in uns, zu dem wir zu Gast und Einkehr geladen sind. Diese inneren Quellen müssen wir finden und immer wieder strömen lassen in das Land unseres Lebens. Dann wird  keine Wüste.
`Ich will euch erquicken!`(Mt 11,29): das alte Herrenwort wird vom strömenden Geist Gottes eingelöst. Von innen her wird uns die Kraft und die geistige Sicherheit und Überlegenheit kommen. Wie oft habe ich das erfahren in der Hetze und Gejagtheit dieser Monate, unter der Last und Übermacht: dass auf einmal die Frische und die Kraft von innen her aufgehen als morgendliche Sonne und die Ruhe des gebändigten Sturmes und der gemeisterten Mühe die Landschaft der Seele erfüllt. Wenn wir die inneren Quellen nicht finden, helfen uns keine Anspannungen und keine äußere Ruhe. Wo aber der Geist Gottes den Menschen anrührt, da gerät er über seine Maße hinaus und es ist immer etwas von der heiligen Stille und der seligen Ruhe, der erholsamen Ruhe der Gottesnähe, des Domes, der Waldlandschaft, der guten Freundschaft in ihm.”
(Gesammelte Werke Bd. 4, S. 273 f.)

September 2008

In den letzten Tagen war in vielen Zeitungen zu lesen, dass die Zahl der Eheschließungen in Deutschland wiederum stark gesunken sei. Vielleicht hat diese Bindungsscheu zu tun mit der Angst des Einzelnen, sich selbst durch in der Ehe gewiss notwendige Kompromisse zu "verfehlen".
Alfred Delp zum Thema "Ich" und "Du":

"Erst am Du wird das Ich ganz wach und wirklich. Erst in der Du-Begegnung werden die letzten Quellen entsiegelt und die letzten Stürme entbunden. Das ist die letzte Offenbarung der Grenze und Verweisung des Menschen an eine allgemeinde Ordnung, die ihn transzendiert, daß er das Du braucht, um ganz Ich zu werden. Daß der Mann die Frau braucht, die Mutter das Kind, der Freund den Freund, der Wagende den Gefährten, der Führer die Gefolgschaft, der Kämpfer den Kameraden, der Denker den Gesprächspartner, daß das Leben eben in allen seinen Wirklichkeitsformen das Grundgesetz des Dialogs aufrecht erhält und durchführt. Das gilt nicht einmal zunächst und zuerst für die mögliche Bedarfsdeckung der physischen Notwendigkeiten, für den gemeinsamen Kampf um Raum unmd Brot gegen die Übermacht und Starre der Natur, das gilt viel tiefer und ursprünglicher für die Ermöglichung des Gedankens, der Entschlüsse, der großen Bewegungen und Schöpfungen der Herzen und Geister. Das Herz gerät nur an einem Herzen und für ein Herz in den stürmischen Schlag, den die Welt immer wieder braucht, um nicht vorzeitig kalt und müde zu werden. Der schöpferische Funke zündet sich nur an der Anregung und am Widerspruch aus dem kongenialen Geist oder an der tauben Trägheit, die man aufrütteln und in Bewegung geraten lassen möchte. Das Leben ist auf das Ich gestellt, den Entschluß, das Urteil, das Gewissen. Ja, aber dies alles wird erst lebendig und voll wirkmächtig und schöpferisch in der Bewegung, am Du, das Grenze und Erfüllung zugleich ist."

(In: Der Mensch vor sich Selbst. Gesammelte Schriften Band 5, S. 527 f.)

August 2008

Ende 1943 erschien im Alsatia-Verlag in Colmar ein schmales Bändchen von Alfred Delp: "Der Mensch und die Geschichte". Es ist die Zwischensumme aus einer Vielzahl von Vorträgen und Begegnungen durch ganz Deutschland hindurch und der Vorentwurf eines Beitrages zu einer christlichen Enzyklopädie, in der christliche Denker in ihrer Verantwortung vor der Geschichte, z. B. Reinhold Schneider, ihre Ideen zu einer Neugestaltung Deutschlands und Europas auf christlicher Basis vorlegen wollten.
Der folgende Text Delps zum Thema "Schöpferische Freiheit" sollte jeden ansprechen, ganz gleich ob ihm ein bedeutendes Amt anvertraut wurde oder ob er seine Freiheit im persönlichen Umkreis als Herausforderung erfährt:

"Der Mensch soll um seine Freiheit und Eigenständigkeit wissen und er soll sie nie vergessen. Er darf sie nie weggeben oder wegwerfen; denn er gibt sich selbst damit aus der Hand und wird zum Objekt, zum Gegenstand, zur Nummer, zum Rohstoff fremder Entscheidungen und Ordnungen. Er versinkt ins Untermenschliche und darf sich nicht wundern, wenn man ihn dann, wenn er die Verantwortung und die Entscheidungsfähigkeit aus der Hand gegeben hat, in die Ordnung des Untermenschlichen, des Tieres, der Herde oder gar der Maschine zwingt. Er empfängt so nur, was ihm noch zukommt, nachdem er selbst den Menschen in sich abgesetzt und entmüdigt hat. Die schlimmste Karikatur auf den Menschen ist der Massenmensch, nur noch wirklich als Teilstück eines gestaltlosen Instinkltbündels, nur noch fähig der primitivsten Reaktionen und Ausbrüche, nur noch getrieben von Demagogen, tierhaften Bedürfnissen und Aussprüchen, haltlos und müde und hilflos, sobald die schlammige Flut ihn liegen lässt  und er eine Einsamkeit spürt, die nicht die kraftvolle Stille des Ewigen ist, sondern die Leere der Ohnmacht und des Ausgeplünderten."    (Alfred Delp, Gesammelte Schriften, Band 2, S. 378 f.)

Diese eindringliche Aufforderung zum Mut für die eigene Freiheit setzt ein Menschenbild voraus, in dem der Mensch als die ihm vorgegebene Ordnung die Berufung hat, "Ewiges im Irdischen zu sein und zu leisten, Absolutes in der Grenze"

(a. a. O. 378).

Juli 2008

Am 1. Juli feierte die Pfarrei Heilig Blut in München-Bogenhausen ihr Patrozinium. Alfred Delp war nach Auflösung der Redaktion der "Stimmen der Zeit" Rektor der Nebenkirche St. Georg in dieser Pfarrei und damit Mitarbeiter in der Seelsorge. Im Jahr 1943 hielt er die Festpredigt zunm Patrozinium "Heilig Blut" .
Zunächst führt er zum Festgeheimnis aus, dass "in der Mitte unseres Lebens und unseres Glaubens ein verwundetes Menschenherz schlägt, das gebrochene Herz des Gottmenschen" als unwiderrufliches Zeichen der Solidarität Gottes mit seiner Schöpfung. Dann fährt er fort:

"Man kann nicht die Botschaft von diesem verschwenderischen Gott vernehmen und als religiöser Kleinbürger wieder weggehen, der nur wieder sorgt für sein eigenes Heil, seine eigene Frömmigkeit und der dieses andere nicht begreift, diesen inneren Anruf genugzutun, dazustehen für die anderen, einen Punkt (zu) finden, von dem man für das Ganze, für die anderen, für die Gemeinde die Sache wiederherstellt, wieder in Ordnung bringen kann, irgendwo in diese allgemeine Verantwortung hinein. Da sind Impulse, von denen aus man keine Rezepte schreiben kann. Von denen aus man aber Ahnungen haben kann und innere Befehle erhalten kann, von daher das Leben anders aussieht." 

(Alfred Delp, Gesammelte Schriften Band 3, S. 251)

Juni 2008

Alle paar Tage steht irgend etwas zu PISA in der Zeitung. Manche Politiker und Bildungsplaner scheinen in Hektik geraten zu sein. In dieser Situation ist es gewiss sinnvoll, sich ins Gedächtnis zu rufen, was Alfred Delp als wichtigstes Ziel jeder Erziehungsbemühung formuliert hat.
Diese Sätze sind einem kleinen Bändchen entnommen, das im Alsatia-Verlag in Colmar 1955 erschienen ist und wohl Vorträge zusammenfasst, die Delp in den Kriegsjahren zum christlichen Menschenbild quer durch Deutschland gehalten hat:

"Der Mensch ist auf sein Gewissen gestellt. Das ist eine grundlegende Tatsache, und es ist die einzige und letzte Tatsache, die den Menschen rettet, jetzt zu sich selbst und einmal vor dem Forum des Ganzen, vor dem er über seinen Beitrag zur Wahrung und Förderung des Seinskosmos Rede und Antwort zu stehen hat. Die Befreiung des Menschen aus den Formen untermenschlichen Daseins geschieht endgültig durch die Rückführung zu sich selbst im Gewissen. Über dieses Gewissen sei hier nur noch das eine angemerkt, dass, wer dem Menschen ans Gewissen geht, es verbildet oder vergewaltigt, ihm eben jenen Schaden zufügt, gegen den alle Schätze und Vorteile der Welt ein Nichts sind. Es kann keinen Grund geben, keine Nützlichkeit und keine leichtere Führungsmöglichkeit und auch keine noch so `fromme` Absicht und Ausrede, den Menschen des Gewissens zu entwöhnen oder seine Bildung zur vollen Tüchtigkeit des Gewissens zu versäumen und zu vernachlässigen. Menschen, die zu einer echten Fertigkeit und Tüchtigkeit des Gewissens gelangt sind, tragen ihre eigene Art, fällen ihr eigenes Urteil, sind unbequem für jedes Schema, lästig für jede, auch die fromme Vermassung und Entmündigung, aber sie sind bei sich, decken den Wechsel des Lebens mit ihrer eigenen Unterschrift und sind deshalb vollgültige Repräsentanten der Idee und vollwertige Träger der Wirklichkeit Mensch. In ihnen kommt das Sein zur Höhe und Dichtigkeit, die es im Menschen finden will: Selbstbesitz und Selbstbewegung nach den Gesetzen und Ordnungen eben des Seins, das im Geist seiner selbst bewusst ist und im Gewissen sich aus der Einsicht in das Wirklichkeitsganze zu sich selbst entscheidet...."

(Der Mensch vor sich selbst. Gesammelte Schriften Band 2, S. 521)

Mai 2008

Im Januar 1945 schrieb Alfred Delp im Gefängnis Berlin-Tegel Meditationen nieder zur Pfingstsequenz "Veni Sancte Spiritus" und ließ sie als Kassiber Menschen zukommen, die seiner Einschätzung nach in besonderer Weise des Beistandes des Gottesgeistes bedurften. Die Gedanken Delps waren Frucht des Meditierens und Betens einer ökumenischen Gemeinschaft hinter Gittern, in deren Zentrum Moltke, Gerstenmaier und Delp standen. Die beiden Gefängnispfarrer Harald Poelchau (ev.) und Peter Buchhoölz (kath.) ermöglichten nicht nur die Kommunikation der Häftlinge untereinander, sondern steuerten ihre eigenen Gedanken und Erfahrungen zum Gespräch bei.
Delp wird - mit seinen Freunden - die Erfahrung der wirkmächtigen Gegenwart des Gottesgeistes geschenkt gerade da, wo die menschlichen Möglichkeiten an eine radikale Grenze stoßen.
Er leitet seine Meditationen ein mit Anmerkungen zum ersten Wort der Sequenz: "VENI!"

"Der Heilige Geist ist der Atem der Schöpfung. Wie der Geist Gottes am Anfang über der Schöpfung schwebte, so und noch viel intensiver und dichter und näher rührt der Geist Gottes den Menschen an und bringt ihn über sich selbst hinaus.
Theologisch ist das ganz klar. Das Herz der Gnade ist der Heilige Geist. Was uns Christus ähnlich macht, ist die Einwohnung des gleichen Geistes, der in ihm und in uns Prinzip des übernatürlichen Lebens ist. Glauben, Hoffen und Lieben, die Herzschläge des übernatürlichen Lebens, sind ja nichts anderes als die Teilnahme der begnadeten Kreatur an der Selbstbejahung Gottes, die im Heiigen Geist sich vollendet.
So versteht man den heißen Atem des Veni. Es ist die erhöhte und sehr gesteigerte und dürstende Adventssehnsucht, die da ruft. Es ist der Wille, aus dem Kerker, aus der Enge, der Gebundenheit herauszukommen, der dieses Veni immer wieder anstimmen heißt. Nur wer die unendliche Sehnsucht der Kreatur zugleich mit ihrer Kümmerlichkeit erfahren hat, wird diesen Flehruf echt anstimmen. Und nur so wird es wirklich ein Ruf, auf den Antwort und Erfüllung folgt."

(Gesammelte Schriften 4, S. 263)

April 2008

 
  Kirche und Pfarramt St. Goerg in München-Bogenhausen, Ort vieler Predigten Delps während des Krieges. Hier wurde er am 28. Juli 1944 nach dem Gottesdienst verhaftet. (Foto: Archivum Monacense)

Alfred Delp spricht in seiner letzten Pfingstpredigt 1944 in St. Georg in München-Bogenhausen, inmitten einer Trümmerwüste und umgeben von Menschen, die den Verlust von Angehörigen auf den Kampffeldern oder bei den Bombardements der Städte zu beklagen haben, über die Geist-Gabe der „Furcht des Herrn“ als Voraussetzung für den ehrfurchtsvollen Umgang mit dem Leben – dem eigenen und fremdem:
„Wie kam der Mensch in diese Öde? Er ist davongelaufen aus der Furcht des Herrn. Er kannte das verpflichtende Stehen vor Gott, diese ehrfürchtige Scheu nicht mehr, wenn man sie haben muss, wenn man in die Nähe der Dinge kommt; wenn er sie ahnt und schmeckt, wie sie vom Herrn gemeint sind.
Wir haben gehört vom Mündigwerden des abendländischen Menschen. Was geworden ist, war der ungebundene Mensch, der aus der Furcht des Herrn ausgewandert ist, und dieser Mensch hat tausend Ängste einbrechen sehen müssen.
Dass wir nur gerade stehen wollen, wo Ordnung des Herrn steht, dass wir die Heiligtümer stehen lassen und die innere Behutsamkeit und liebende Scheu vor der Kreatur lernen! Wie viele Menschen gehen gebrochen und leidend durchs Leben, weil sie grausam angegriffen wurden? Unsere blindgewordenen Augen will er erhellen durch eine Heilswirkung, die unser Wissen und Erkennen und Schmecken der Dinge wandeln soll.“ (Alfred Delp, Gesammelte Schriften 3, 221 f)

März 2008

Als Alfred Delp im Jahr 1943 die Predigt zu Ostern hielt, aus der Sie unten einen Auszug lesen können, war er mit vielen anderen aufrechten Menschen dabei, inmitten des Verfalls jeglicher Art mitzuarbeiten an einer neuen Ordnung für Deutschland und Europa, die dem Willen Gottes und der Würde des Menschen entspricht. Er wusste, dass ihn dieser Einsatz das Leben kosten konnte. Die folgenden Gedanken gegen Ende dieser an den liturgischen Texten des Festes orientierten Osterpredigt, die in der Auferweckung Jesu des Gekreuzigten Gott als Schöpfer am Werk sieht, der seine Schöpfung nicht allein lässt, geben zu erkennen, woher Alfred Delp selbst Kraft und Zuversicht für seinen Einsatz nimmt:

„Wenn wir heute nichts mehr einzusetzen hätten als uns selber, dann stünden wir bald verbraucht da und am Ende…….“ Doch für den, der die Osterbotschaft versteht, gilt: „Dies ist das eine: Mensch der großen Zuversicht. Als solcher Mensch müssen wir aus dieser Osternacht und diesen Ostertagen herauskommen und von diesen Tatsachen her aufgerichtet werden. Dazu das andere, wie es in der Epistel heißt: expurgate vetus fermentum (fegt den alten Sauerteig heraus!). Weg mit den alten Dingen: dieser ungeheuere Mut zur ewigen sittlichen Erneuerung, zum ewigen Hochstreben, zur Wanderung: dass der Mensch das Recht und die Kraft und die Pflicht hat zu neuem Ausgreifen, niemals im Leben etwas als endgültig anzusehen hat, bevor die letzte Stunde schlägt und bevor der Mensch Aug in Aug vor diesem Herrgott steht. Der Mensch, der sich selbst etwas zutraut und innerlich lebendig ist und innerlich immer am Wandern und Wandeln ist. Weg mit dem, was müde geworden! Ad Deum, qui laetificat juventutem meam (zu Gott, der meine Jugend froh macht). Von daher, von diesem Ostertag her sind wir verschwistert mit dieser ewigen Jugend, sind wir Erfüller dessen, was die Menschheit geträumt hat vom Jubel des Menschen, der steht, der sich selber hat, der Ordnung und Kraft hat und dem Leben sich gewachsen weiß.“ (Gesammelte Schriften Band 3, S. 208)

Februar 2008

Die Fastenzeit ist für Alfred Delp eine Einladung, sich neu der Grunddaten christlicher Existenz inne zu werden. Dazu gehört die fundamentale Tatsache, dass wir vom andern her, letztlich von Gott her leben, der sich in Jesus Christus ganz als „Gott-für-uns“ (JAHWE) erwiesen hat. Unser Leben ist verdanktes Dasein. Für die Grundeinstellung und die konkrete Gestaltung des Lebens bedeutet dies:

„Es gibt noch eine Liebe, eine Treue des einen zum andern über das Recht hinaus, über das Schöne hinaus …. Es gibt die echte Realität, die Liebe des Menschen zum Menschen, … , das tägliche Bekenntnis des einen zum andern, die innere Fähigkeit für die anderen zu stehen, und da ist die innerste Botschaft….: dass einer für uns gestanden ist, und dass deshalb irgendwo Gesetz des Daseins ist, den andern bei der Hand nehmen und ihm reichen Trost spenden, dass unsere Hände wieder zart sind, unsere Worte wieder rein sind und dass deshalb das andere (das über das Recht hinausgehende)  getan wird, dass einer es tut bis zum Genug, dass einer kein Maß mehr kennt bis es vollendet ist, dass man nicht zu früh Halt macht und dass man weiß, irgendwann einmal hängt unsere Existentfrage davon ab, ob wir diesen Raum erreichen, um endlos, um maßlos zu lieben und wirklich nicht sparsam vor der Welt zu stehen.“ (Aus einer Predigt zum Patronatsfest der Kirche Heilig Blut in München-Bogenhausen 1943; Gesammelte Schriften Band 3, S. 249 f.)

Alfred Delp hat durch seinen Tod als Martyrer am 2. Februar 1945 dieses Gesetz erfüllt.

Januar 2008

Zu Neujahr 1944 predigte Alfred Delp in München-Bogenhausen, St. Georg in der Pfarrei Heilig Blut, mitten in einer Trümmerwüste. Wie in all seinen erhaltenen Neujahrspredigten aus den Kriegsjahren  deutet er die Situation vom Verlust der Glaubenserfahrung des „Herrgotts“ als Mitte des Denkens und der Lebensgestaltung her. Seine Worte können von uns heute verstanden werden als Anfrage an uns: Wer oder was nimmt für uns den Platz in der Mitte ein?

„Wir hatten uns auf unsere Füße verlassen, in die wir so verliebt waren und mit denen wir uns verlaufen haben. Es braucht diese Anerkennung Gottes. Wie soll denn Gottes Reich und sein Segen einbrechen, wenn die Menschheit eine zweifelnde, aber im Grunde ahnungslose ist? Wie soll er einbrechen, wenn nicht hundert und hundert Herzen Ihn einfach rufen durch Anerkennung und Offenheit, dass wir den großen Atem gewinnen, der Glaube, Hoffnung und Zuversicht hat und aushalten kann, weil er weiß, ein Wort Gottes ist doch mehr als endlose Zusicherungen von Generationen, die uns immer neu beglücken wollen und uns immer wieder enttäuscht stehen lassen?
Zwischen dem Herrn und dem Unsegen eines Lebens steht die Freiheit des Menschen. Gott vergewaltigt ihn nicht, auch nicht zu seinem Heile hin. Und so Er uns segnen soll, muss seine Freiheit ihn rufen und uns selber in die innere Willigkeit hineinrufen, aus der allein man fähig ist, vor Gott zu erscheinen…..
Irgendwo müssen wir neu werden – oder die Trümmer und der Schutt werden das endgültige Stigma des Daseins bleiben. Dann lernt unser Herz einen neuen Takt und Rhythmus: Singt dem Herrn ein neues Lied. Die Zerstörung ist vom Menschen ausgegangen und zum Gesetz der Zeit geworden. Das Heil wird den gleichen Weg gehen: vom Herzen und von den Gedanken zum andern Menschen und in die größeren Zusammenhänge der Zeit. Dies ist das neue Lied, wenn sich das alte Bündnis des wachen Menschenherzens und des segenswilligen Herrgotts erneuert. Dann wird nicht das Zusammenbrechen von Häusern und Menschen das Stigma sein, sondern dann werden Menschen wachsen, die Zeugen sind von dem Segen des Herrgotts. Aus der Tiefe einer Not sind wir gekommen, aber so wird die Menschheit noch mal dem Herrgott neu danken. Dies ist immer noch die Frage an unsere Freiheit, Einsicht und Willigkeit, die Ordnung der Herzens und Geister in eigene Verantwortung zu nehmen.“ (Gesammelte Schriften Bd. 3 / S. 152 f.)

Dezember 2007

 
  Alfred Delp. Bronzebüste von Karlheiz Oswald, Mainz (im Besitz der Alfred-Delp-Gesellschaft e. V. Mannheim)

Alfred Delp gestaltete im Gefängnis Berlin-Tegel – gemeinsam mit seinen katholischen und protestantischen Freunden aus dem Widerstand – sein Leben, so weit ihm das möglich war, im Duktus des Kirchenjahres und somit der weltweiten Ökumene der Christenheit. Seine von den liturgischen Texten inspirierten Gedanken teilte er durch Kassiber Mitgefangenen, aber auch Freunden und Pfarrangehörigen in München (Hl. Blut) mit. Die Ausführungen zum Ersten Adventssonntag 1944 können auch heute eine befreiende Wirkung entfalten. (G. Saltin)

"Den innersten Sinn der Adventszeit wird nicht verstehen, wer nicht vorher erschrocken ist über sich selbst und seine menschlichen Möglichkeiten und ebenso die im eigenen Selbst sich offenbarende Lage und Verfassung des Menschen überhaupt.
Die ganze Botschaft vom kommenden Gott, von Tagen des Heiles, von einer nahenden Erlösung wird nur dann nicht göttliche Spielerei oder menschliche Gemütsdichtung, wenn ihnen ein zweifacher klarer Sachverhalt zu Grunde liegt.
Der erste Sachverhalt: Einsicht in und Erschrecken über die Ohnmacht und Vergeblichkeit des menschlichen Lebens hinsichtlich einer letzten Sinngebung und Erfüllung. Ohnmacht und Vergeblichkeit sowohl als Seinsgrenze wie als Schuldfolge. Dabei zugleich das helle Bewusstsein, dass letzte Sinngebung und Erfüllung dazu gehören.
Der zweite Sachverhalt: Die Zusage Gottes, sich auf unsere Seite zu begeben, uns entgegenzukommen. Der Entschluss Gottes, die Seinsgrenzen aufzuheben und die Schuldfolge zu überwinden.
Daraus aber ergibt sich, dass die Grundverfassung des Lebens immer adventlich ist: Grenze und Hunger und Durst und Unerfülltheit und Verheißung und Bewegung aufeinander zu. Das aber heißt, im Grunde bleibt der Mensch ungeborgen und unterwegs und offen bis zur letzten Begegnung. Mit aller demütigen Seligkeit und schmerzhaften Beglückung dieser Offenheit.
Es gibt also das Endgültige vorläufig nicht und der Versuch, Endgültigkeiten zu schaffen, ist eine alte Versuchung des Menschen. Hungern und Dürsten und Wüstenfahrt und Notseilgemeinschaft gehören zur Wahrheit des Menschen.
Dieser Wahrheit sind die Verheißungen gegeben und nicht der Anmaßung und der Einbildung. Aber dieser Wahrheit sind wirklich Verheißungen gegeben, auf die man sich verlassen soll und kann. `Die Wahrheit wird euch frei machen!` ( Joh 8, 32) Das ist das eigentliche Thema des Lebens. Alles andere ist nur Äußerung, Ergebnis, Anwendung, Folge, Bewährung, Einübung. Gott helfe uns zu uns selbst und so von uns weg und zu ihm hin.
Jeder Versuch, von anderen Voraussetzungen her zu leben, ist lügenhaft …“

(Alfred Delp, Gesammelte Schriften Band 4, S. 156 f.)

November

Im Monat November, in dem das Kirchenjahr endet, lädt die Kirche in ihrer Liturgie dazu ein, über Endlichkeit und Grenzen des Lebens und der Welt nachzudenken.
Alfred Delp dazu in einem Vortrag zum Sakrament der Krankensalbung (Herbst 1941), im Anschluss an die Feststellung, dass das Leben uns vor Fragen und Probleme stellt, die wir nicht lösen können:

„Der Mensch wird ärgerlich und müde, wenn er dauernd vertröstet wird, wenn ihm dauernd gesagt wird, das kommt irgend wann einmal, jetzt geht es noch nicht. Wir haben das Recht und die Pflicht zu einer ganz echten Vertröstung. Wir haben das Recht, dass wir im Leben Dinge stehen lassen, die nicht aufgehen, weil wir wissen: unser Raum geht über diesen Raum hinaus; unser Leben ist in größere Zusammenhänge hinein konzipiert als in die, die wir jetzt sehen. Darum können Rätsel stehen, können Geheimnisse stehen, ohne dass wir daran wund werden. Ja, wir werden gerade daran immer wieder wach, weil sie uns Mahnzeichen sind und Wegzeichen, über das Ganze hinaus. Wir dürfen vertrösten und wir dürfen vor Unbegreiflichem stehen, weil wir selbst ein Unbegreifliches sind, das über die Sterne hinausragt.“

(Gesammelte Schriften Bd., 3 / S. 404 f.)

Oktober (Erntedank)

Alfred Delp hat in unmittelbarem Zusammenhang mit dem Prozess gegen die „Kreisauer“ (9. – 11. Januar 1945), „auf dieser absoluten Höhe des Daseins, auf der ich nun angekommen bin“, mit gefesselten Händen eine Meditation zum „Vater Unser“ niedergeschrieben und auf verbotenen „Kanälen“ nach draußen bringen lassen. In den Ausführungen zur mittleren der sieben Bitten: „Unser tägliches Brot gib uns heute!“ findet seine persönliche Situation (Haft unter Sonderbedingungen) deutlich ihren Niederschlag:

„Brotsorge und Brotbitte gehören zum Menschen. …. Man muss einmal gehungert haben, wochenlang. Man muss einmal erlebt haben, dass einem ein unerwartetes Stück Brot wie eine Gnade vom Himmel zukommt. Man muss gespürt haben diesen Einfluss des Hungers auf jede Lebensregung, um die Ehrfurcht vor dem Brot und die Sorge um das Brot wieder zu lernen. Und solange Menschen hungern und ihnen das Brot etwas Unwahrscheinliches ist, solange wird man diesen Menschen sowohl das Reich Gottes als auch das irdische Reich vergebens predigen. So war und ist ja das Brot immer wieder eines der großen Mittel der Verführung. Und es ist so wichtig, dass es den richtigen Leuten gelingt, die Brotsorge an sich zu nehmen und zu meistern. Die Brotsorge muss aber immer Brotbitte bleiben. Sonst verliert sich der Mensch im irdischen Raum. Er muss wissen: Unser Brot, es mag noch so reichlich und gesichert da sein, wird jeden Tag gegeben aus der ewigen Hand. Die Dinge müssen durchsichtig bleiben., bis in die letzten Zusammenhänge. Sonst werden sie falsch und gefährlich.
Deswegen bitten wir auch nicht um die vollen Scheuern und die reichen Vorratskammern, sondern um das tägliche Brot. Die Ungeborgenheit und Gefährdung des menschlichen Lebens klingt hier durch. Und dass das Leben im Vertrauen sich erst bewährt, nicht in der Sicherheit.“

(Gesammelte Schriften Bd., 4 / S. 235 f.)

September

Am 15. September 1907, dem „Fest der Sieben Schmerzen Marias“, wurde Alfred Delp im Mannheimer „Wöchnerinnenasyl Luisenheim“ geboren und zwei Tage später durch den Kaplan der Oberen Pfarrei (Jesuitenkirche) getauft.

Im Jahr 1941 hielt Delp unter dem Titel „Von der siebenfachen Not und der siebenfachen Erlösung der Welt“ einen Vortragszyklus zu den sieben Sakramenten.

Im Vortrag über die Taufe heißt es im Anschluss an die Erläuterung der bei der Spendung des Sakramentes gesetzten Zeichenhandlungen:

„Wenn der Mensch an die Wirklichkeit dessen glaubt, was da am Anfang unseres Lebens geschehen ist – wenn er weiß das sind nicht nur Riten und Zeremonien, das ist ein Wort des Herrn und das Ganze geschieht ihm von Gott her -, wenn wir aus unseren Anfängen des Lebens, aus den Geheimnissen im Anfang unseres Lebens die entsprechenden Folgerungen ziehen: Wie stehen wir dann vor den Dingen? Ist nicht gerade all das, was im Erlebnis des Lebens als Not sichtbar wurde, gebändigt, überboten, innerlich gelöst? Ist nicht der gehemmte Blick aufgebessert und aufgewertet durch Licht, Wahrheit, Gnade, Führung? Ist nicht die gehemmte Kraft innerlich gefestigt durch Wiedergeburt, durch Gnade, durch Segnung? Ist nicht der unverstandene Tod und das unverstandene Leid gemeistert, indem wir getauft sind auf den Tod eines lebendigen Gottes? Ist nicht der Dämonie des Lebens die letzte Zuständigkeit genommen, sie mag uns anfallen in allen Formen, in tausend Gestalten? Können wir nicht aus diesem Grundvollzug heraus eine Sicherheit gewinnen, die uns überlegen macht? Ist da nicht eine Not der Welt erlöst? Sind wir nicht einfach selber berufen und befähigt, als erlöste Welt dazustehen und zu dokumentieren, dass auf all diese Fragen und auf all diese Sorgen und Nöte eine Antwort geschehen ist? Das ist unsere Möglichkeit, das ist unsere Verantwortung, das ist wirklich unsere Pflicht: das Reine rein zu halten, das brennende Licht brennen zu lassen. Wehe uns, wenn wir, nachdem all dies geschehen ist an uns, doch genau so unerlöst dastehen! Die Not werden wir fühlen und spüren; aber zugleich muss sichtbar werden: Wir haben die Antwort darauf …“

(Alfred Delp, Gesammelte Schriften Bd. 3, S. 314 f.)

August

Das Jahr der Hundertsten Wiederkehr des Geburtstages von Alfred Delp ist auch ein „Elisabeth – Jahr“ (Elisabeth von Thüringen, geb. 1207 in Ungarn). Viele Urlauber werden die Elisabeth-Ausstellungen, z. B.  in Marburg oder auf der Wartburg, besuchen.

Alfred Delp hat zum Fest der hl. Elisabeth im Jahr 1941 in München (St. Georg in Bogenhausen) gepredigt. Ein Ausschnitt dieser Predigt mag allen Elisabeth-Besuchern und denen, die an diese heilige Frau denken, Wegweisung sein. Den folgenden Worten vorausgegangen ist eine eindrucksvolle Schilderung des Auftretens der Landgräfin im Vorhof der Wartburg:

„Was da um Elisabeth sich sammelte, das waren nicht die Menschen mit dem klingenden Schritt, das waren nicht die Menschen mit den blitzenden Augen und den gestrafften Rücken, das waren nicht die Menschen der großen Positionen. Das waren die Krüppel und die Kranken und die Bresthaften und die Armen und die Verstoßenen des Lebens und des Daseins, die von den Landstraßen, von den Zäunen, von den Asylen, die Verlaufenen und Hilflosen. Da steht diese segnende Frau. Ach, was liegt denn an diesen krüppelhaften Leben? Natürlicherweise wird kein Mensch daran Freude haben. Aber wer die Augen hat zu sehen, was vom Herrgott her mit den Menschen gemeint ist: dass wir noch im allerletzten und allerverkommensten Menschen etwas finden, was man anbeten muss und was man fördern und was man hüten muss und hegen muss: das Antlitz des Herrgotts, der gesagt hat, der Mensch ist geschaffen nach meinem Bild und Gleichnis. Und wer möchte es auf sich nehmen, ein Bild und Gleichnis, einen Gedanken, einen Willen, eine Liebe des Herrgotts zu vernichten? Das ist eine ernste Botschaft dieser stillen Frau an unser Volk und unser Land, eine Botschaft an jeden von uns: überall, wo wir stehen und wo wir vernommen werden, das Leben zu schützen, die Kreatur zu schützen vor allem, was sie zertreten könnte….“   

(Gesammelte Schriften 3 / 291 f.)

Juli

Vielleicht finden einige Leser des folgenden Textes in der nächsten Zeit die Ruhe, sich dem persönlichen Ruf Gottes zu stellen, dem zu folgen der Weg in die Freiheit ist:

„Die Geburtsstunde der menschlichen Freiheit ist die Stunde der Begegnung mit Gott. Ob Gott nun einen Menschen aus sich herauszwingt durch die Übermacht von Not und Leid, ob er ihn aus sich herauslockt durch die Bilder der Schönheit und Wahrheit, ob er ihn aus sich selbst herausquält durch die unendliche Sehnsucht, durch den Hunger und Durst nach Gerechtigkeit, das ist ja eigentlich gleichgültig. Wenn der Mensch nur gerufen wird und wenn er sich nur rufen lässt!“

(Alfred Delp, Epiphanie 1945. In: Gesammelte Schriften Bd. IV, S. 217)

Juni

Am 24. Juni 1937, also vor 70 Jahren, wurde Alfred Delp in München durch Kardinal Michael von Faulhaber zum Priester geweiht.
Im Sommer oder Herbst 1941 hielt er unter dem Titel „Von der siebenfachen Not und der siebenfachen Erlösung der Welt“ einen Predigtzyklus über die 7 Sakramente. In der Predigt über die Priesterweihe richtet er einen dringenden Appell an seine Zuhörer:

„…beten Sie für Ihre Priester! Sie spüren es, wenn ein Priester die Gemeinde hütet und für sie sorgt, der Sie auch mitnimmt vor seinen Herrgott und dort in seinen einsamen Gebetsstunden mit seiner Gemeinde vor Gott steht. Und vielleicht werden Sie einmal im ewigen Glanz Gottes entdecken, dass Sie das meiste an Segen und Kraft verdanken diesen stillen Seelsorgestunden vor dem Tabernakel.
Der Priester spürt genau so, wenn das Volk nicht nur erwartet und haben will – er wird geben und muss geben - , nicht nur immer sieht und prüft und zurechtrückt, sondern auch seinen Priester mitnimmt in seine Gebetsstunden, in seine Einsamkeiten mit Gott und auch diesem Menschen, der mit seinem Schicksal brennt für ihr eigenes Wohl, einen Segen des Herrgotts verschafft. So wird es uns gemeinsam gelingen, das Priestertum zu hüten und die Weihe zu fördern und das alte Ansehen wieder herzustellen.“

Mai

In der christlichen Ikonographie hat der „Heilige Geist“ , als Taube zwischen „Gott Vater“ und „Gott Sohn“ schwebend, zwar seinen festen Platz gefunden; doch in der religiösen Praxis spielt er bestenfalls eine Sonderrolle. Dementsprechend ist unter den christlichen Hauptfesten Pfingsten hinsichtlich des Festinhalts und dessen Umsetzung in der Gestaltung des Festtages im Vergleich zu Weihnachten und Ostern recht blass geblieben.

Alfred Delp, dessen geistliche Erfahrungen den Mannheimer Christen durch „kirche aktiv“ im Jahr der 100. Wiederkehr seines Geburtstages (15. September 1907) nahe gebracht werden, kann hier weiterhelfen. Denn er machte Ernst mit der biblischen, vornehmlich bei Paulus praktizierten und formulierten Erfahrung, dass Jesus Christus und damit der Vater uns nahe ist „im Geist“.

Alfred Delp schrieb als Häftling im Gefängnis Berlin-Tegel gegen Jahresende 1944, kurz vor dem Prozess und dem Todesurteil, mit gefesselten Händen eine Meditation zur Pfingstsequenz „Veni sancte spiritus“, die es verdient, ins „geistliche Kulturerbe“ der Christenheit aufgenommen zu werden. (*) Man kann davon ausgehen, dass diese Meditation in Zusammenhang steht mit einer Novene, die Alfred Delp, Johannes Groß und die protestantischen (!) Mithäftlinge Helmuth James von Moltke und Eugen Gerstenmaier – in Zellen getrennt, doch im Geist vereint – im Blick auf die für den 8. Dezember 1944 erwartete Eröffnung der Gerichtsverhandlung gemeinsam gebetet haben. Dabei wurde wohl der Text der Pfingstnovene benutzt.

Zur Sequenzbitte „Sana quod est saucium“ („Heile, was verwundet ist“) schreibt Delp – reich beschenkt durch die Früchte dieser Bitte: „Es gibt die Wunden der Not, aber es gibt auch die Wunder der Not.“ Wenn der Mensch in Not sich der Gegenwart des Geistes öffnet, dann wird ihm bewusst, „dass der Herrgott sein Leben teilt, dass er vom heiligen Geist in die Intimität mit Gott berufen ist und so der Herrgott selbst nun die harten Zeiten und Strecken mit durchwandert...“

* Der ganze Text findet sich in: Alfred Delp, Gesammelte Schriften, hg. von Roman Bleistein, Band 4, S. 263 – 305

April

Zum Gründonnerstag im Alfred-Delp-Jahr 2007:

Zwei tapferen Frauen aus Berlin, Dr. Marianne Pünder und Marianne Hapig, war es im September 1944 gelungen, dem Untersuchungshäftling des Volksgerichts, dem Jesuitenpater Alfred Delp, Hostien und Wein in seine Zelle im Gefängnis Berlin-Tegel zu schmuggeln. Delp konnte so nachts, meist mit gefesselten Händen, die heilige Messe feiern. Andere Häftlinge, durch Klopfzeichen über die jeweiligen Zeiten unterrichtet, feierten mit und konnten sogar das eucharistische Brot empfangen, das ihnen, manchmal über Mittelsmänner, in Täschchen wie dem oben abgebildeten zugesteckt wurde. Bei solchen Botengängen war häufig auch der evangelische Gefängnispfarrer Harald Poelchau der Überbringer, so dass – wie Delp es einmal ausdrückte – hier eine besondere Form ökumenischer Aktion sich zeigte: „Una sancta in vinculis“.

Delp las die Messe auch für seine Freunde draußen, etwa an deren Namenstag. Seiner Mitarbeiterin in München, Frau Luise Östreicher, teilte er mit, dass sich durch diese besondere Art der Gegenwart seines „Herrgotts“ seine Situation grundlegend geändert habe. Auch bei der Verhandlung vor dem Volksgerichtshof am 9. Januar 1945 trug er die geweihte Hostie bei sich, nachdem er einigermaßen sicher sein konnte, dass sie nicht in falsche Hände geraten würde.

Delp selbst sah in der Gegenwart des zum Brot gewordenen  Herrgotts in der Zelle und selbst in der Hölle des Hasses im Volksgericht die Erfüllung dessen, was Gott seinen Geschöpfen sein will: Der Schöpfergott, der seinen Geschöpfen auch in deren tiefster Demütigung nahe ist und so nicht nur den Triumph der Hölle verhindert, sondern in ihrer Mitte den Sieg der Liebe wirkmächtig bezeugt. Die eucharistischen Gaben werden so den Gefangenen zum Inbegriff dessen, was Jesus Christus selbst für sie ist: JAHWEH – der „Gott, der für uns da ist“, und IMMANUEL – der „Gott, der mit uns ist, wo immer wir uns auch befinden mögen.“

So kann die Gefängniserfahrung Alfred Delps uns helfen, neu zu entdecken, welcher Schatz uns in der Eucharistie geschenkt ist.

März

Zum Fest des hl. Josef am 19. März

Von Alfred Delp ist eine kurze Predigt zum Fest des hl. Josef aus dem Jahr 1943 erhalten. Der Jesuitenpater war in dieser Zeit rastlos unterwegs im gesamten deutschen Reichsgebiet – ständig in Gefahr, etwa auf einem Bahnhof in eine Razzia verdeckt operierender Gestapo-Leute zu geraten - , um verschiedene Widerstandsgruppen miteinander in Kontakt zu bringen, mit Bischöfen über die von den „Kreisauern“ entworfene Neuordnung Deutschlands zu beraten, vor Verantwortungsträgern katholischer Verbände zu referieren usw. .Es war für Alfred Delp eine Zeit vielfältiger Herausforderungen, in der es ihm selbst gewiss auch gut tat, in Begegnung mit dem hl. Josef aufs Neue sich bewusst zu werden, worum allein es bei allem Ringen um Neuorientierung gehen muss: Darum nämlich, dass allein der „Gottesdienst“ einem Leben (und damit auch der Gestaltung der politischen und gesellschaftlichen Ordnung ) innere Weihe und Würde gibt:
„Ein Leben ist verpfuscht und hohl, wenn sein innerster Raum nicht ein Tempel ist, in dem Gott, dem Herrn, gedient wird“, sondern die Menschen sich selber als Herren aufspielen. Delp sieht bei Josef, der ganz in Dienst genommen ist vom Herrgott, „dass er nach Vater-Art, in väterlicher Verantwortung die Wache bezieht. Und wie diesem Mann Josef die Verantwortung über das Schicksal des Herrn überantwortet war, so soll der Mensch sich wirklich fühlen als in Dienst genommen in Verantwortung für das Heiligste, was die Menschheit hat, für das Wort Gottes.“

Auf diese väterliche Sorge spielt auch dieses große Altarblatt an, das Georg Oswald May (+ 1816) für die Wallfahrtskirche in Ludwigshafen-Oggersheim gestaltete: Josef, der das Mensch gewordene Wort Gottes einer Gefahr entreißt und über den Abgrund rettet.

Seit Karl Theodors Zeiten ist die Kurpfalz dem Schutz des hl. Josef anvertraut. Mögen durch sein Beispiel und auf seine Fürsprache hin die Christen das erforderliche Maß an Kraft und Phantasie aufbringen, nach Gottes Ordnung zu leben und für ihre Verwirklichung einzutreten.

Februar

Am 2. Februar 1945 musste Alfred Delp nach dem Todesurteil des „Volksgerichtshofs“ in der Hinrichtungsstätte Berlin-Plötzensee am Galgen sein Leben lassen. Mit ihm starben Carl Fr. Goerdeler und Johannes Popitz. In einem Abschiedsbrief an seine Freunde, der aus der Zelle im Gefängnis Tegel herausgeschmuggelt werden konnte, deutet er seinen und seiner Freunde Tod:

„Es ist Zeit der Aussaat, nicht der Ernte. Gott sät; einmal wird er auch wieder ernten. Um das eine will ich mich mühen: wenigstens als fruchtbares und gesundes Saatkorn in die Erde zu fallen. Und in des Herrgotts Hand. Und mich gegen den Schmerz und die Wehmut wehren, die mich manchmal anfallen wollen. Wenn der Herrgott diesen Weg will, - und alles Sichtbare deutet darauf hin – dann muss ich ihn freiwillig und ohne Erbitterung gehen. Es sollen einmal andere besser und glücklicher leben dürfen, weil wir gestorben sind.“ (Alfred Delp, Gesammelte Schriften IV, S. 110)

Der evangelische Gefängnispfarrer Harald Poelchau, wie Alfred Delp im Kreis um Helmuth James von Moltke engagiert und in Gefängnis Gesprächspartner Delps, hat den Ertrag dieser Gespräche auch anderen erschlossen. So berichtet Clarita von Trott, die in „Sippenhaft“ im Frauengefängnis Berlin-Moabit gefangen gehalten und von Harald Poelchau besucht wurde, von einem Gespräch nach der Hinrichtung ihres Mannes, der ebenfalls dem Moltke-Kreis angehörte:
„Niemand anders als Harald Poelchau konnte mir dann den Tod Adams mitteilen. Ich möchte hier nur berichten, was ich mit ihm, dem Pfarrer, damals sprach. Ich muss ihm gesagt haben, dass es doch nicht zu fassen sei, dass Gott zuließe, dass uns die Allerbesten genommen würden, die wir noch so nötig gebrauchten. Seine Antwort, die ich sicher nicht so schön wiedergeben kann, wie er sie mir mitteilte, war etwa: Das würde keine kräftige Saat ergeben, die in die Erde gesenkt wird, damit Neues aus ihr wachsen kann, wenn Gott nur müde alte Männer genommen hätte.

Die Leser sind eingeladen, sich vor Augen zu halten, dass die „anderen“, für die Alfred Delp, Adam von Trott zu Solz und viele weitere gestorben sind, wir Heutigen sind. Wie gehen wir mit dieser „Saat“ um?

Januar

Epiphanie 1945.
Die Texte sind entnommen einer Meditation, die Alfred Delp als Gestapo-Häftling in Berlin-Tegel niederschreibt – mit gefesselten Händen, das Blatt auf die Bettumrandung gepresst. Frauen, die dem Häftling die Wäsche besorgen, schmuggeln solche Texte aus dem Gefängnis.
Die Adressaten: Freunde, Pfarrangehörige in München/St. Georg, Menschen in Not.
Alfred Delp lebt im Gefängnis mit dem Kirchenjahr. Hier stehen ihm die „Heilstatsachen“ ganz neu vor der Seele: Was bedeutet „Menschwerdung Gottes“ für den, der mit Todesurteil und Hinrichtung rechnen muss, weil sein Glaube an diesen Gott und an die Würde des Menschen ihn in Konflikt bringen musste mit einem menschenverachtenden Regime?
Der Text zu Epiphanie ist wenige Tage vor der Prozesseröffnung vor dem „Volksgerichtshof“ entstanden.
Delp geht aus von dem reichen Gehalt dieses Festtages: Da ist „der Vorstoß Gottes aus dem Winkel von Bethlehem in die große Öffentlichkeit. Der rufende und wirkende Stern; die Männer, die die Wüste bestanden; die Freude und Fülle der Begegnung; die Anbetung und das Opfer; der erschrockene König; die ahnungslose Hierarchie und Klerisei; die wunderbare Führung und Fürsorge Gottes. Dann noch die andern Heilstatsachen, deren das Fest gedenkt: die Taufe im Jordan, die bezeugende Stimme des Vaters, das erste Wunder zu Kana.
Wirklich eine Fülle ...... Dem Menschen, der er selbst bis in die äußersten Möglichkeiten werden will, kündet der Tag heute verschiedene Gesetze seines Lebens, die Vorbedingungen sind bzw. Kräfte und Ermöglichungen der geprägten, werthaltigen Individualität Mensch, um die es geht.“ (215 f.) Das erste ist das „Gesetz der Freiheit“.Delp hebt an bei der eigenen Erfahrung: „In diesen Wochen der Gebundenheit habe ich dies erkannt, dass die Menschen immer dann verloren sind und dem Gesetz ihrer Umwelt, ihrer Verhältnisse, ihrer Vergewaltigungen verfallen, wenn sie nicht einer großen inneren Weite und Freiheit fähig sind. Wer nicht in einer Atmosphäre der Freiheit zuhause ist, die unantastbar und unberührbar bleibt, allen äußeren Mächten und Zuständen zum Trotz, der ist verloren ...... Dieser Freiheit wird der Mensch nur teilhaftig, wenn er seine eigenen Grenzen überschreitet.
Er kann dies auch in unzulässiger, empörerischer Weise versuchen. Aber gerade der im Menschen schlummernde Blitz zur seinshaften Meuterei zeigt, wie sehr des Menschen Wesen darauf angelegt ist, aus seinen Grenzen herauszukommen. Den Rebellen kann man noch zum Menschen machen, den Spießer und das Genießerchen nicht mehr. Die Geburtsstunde der menschlichen Freiheit ist die Stunde der Begegnung mit Gott .... Da die Männer in dem Stall knieten und anbeteten, da alles hinter ihnen lag: die Heimat, die Wüste, der lockende Stern und die Qual des schweigenden Sterns, der verführerische Palast des Königs und die Herrlichkeit der Stadt – da alles seinen Wert und seine Eindrucksfähigkeit verlor: der arme Stall und die kärgliche Umgebung und die fehlende Macht und der abwesende Glanz der Welt, und das ganze Wesen gesammelt war in diesem einen Akt: Adoro – in diese eine symbolische Gebärde der Gaben: da wurden und waren Menschen frei.“ (217) „Das Gesetz des Wüste“: Diese Freiheit kann nur gewinnen, wer die Wüste auf sich nimmt: „Die Wüste gehört dazu. Die menschliche Freiheit ist ein Ergebnis der Befreiung.“ (219) „Allein und schutzlos den Winden und Wettern, dem Tag und der Nacht und den bangen Zwischenstunden preisgegeben. Und dem schweigenden Gott.“ (220) Die folgenden Sätze sind mitten in unsere Zeit hinein geschrieben: „Es steht schlimm um eine Welt, wenn in ihr kein Platz mehr ist für die Wüste und den leeren Raum. Wenn alles erfüllt ist mit Lärm und mit Verbindungen und Kanälen und Verkehrsadern usw. .... Das Gesetz des totalen Nutzens und der totalen Zweckmäßigkeit ist kein Gesetz des Lebens. “ (221)
Diese Wüste ist Bewährung zur großen Freiheit. Deshalb endet die Meditation mit dem „Gesetz der Gnade“: „Das Leben ist gerade da, wo es selbst über sich hinaus will, nicht allein gelassen, weil sich Gott als Mensch zu uns gesellt hat. Wir sind nicht allein. Wir sind den Dingen gewachsen“ (223)

Günther Saltin

(Text in: Alfred Delp, Gesammelte Schriften, Band IV: Aus dem Gefängnis.
Herausgegeben von Roman Bleistein. Frankfurt 2 /1985, S. 215-224).