Februar 2016

Am 19. Oktober 1981 veöffentlichte der SPIEGEL ein Gespräch mit Heinrich Böll. Damals hatte, auf dem Höhepunkt der Flucht der vietnamesischen Boat People, die CAP ANAMUR ihre Rettungsaktionen aufgenommen und sich mit dem Einwand auseinander zu setzen, das Schiff rette vor allem einmal die, die in der Lage seien, die Schlepper zu bezahlen, also jene, die unter dem bisherigen Regime ihre Geschäfte gemacht hätten. Dazu Heinrich Böll: „Ich würde auch einen ertrinkenden Zuhälter retten. Ich würde sogar einen ertrinkenden Zuhältermillionär retten, weil ich mir nicht anmaßen kann, jemanden ertrinken zu lassen.”

Ein solcher Satz ist die äußerste Konsequenz aus dem Kanon der in der momentanen Debatte um Flüchtlingspolitik häufig zitierten Werte wie Würde und Rechte der Person und der Soldarität. Nach der Überzeugung Alfred Delps, der Opfer eines politischen Systems wurde, das diese Werte mit Füßen tritt, konnte dieses nur hochkommen und sich an der Macht halten, weil bei einem Großteil der nominell christlichen Gesellschaft die transzendente Verankerung dieser Werte verblasst war. Sich gedanklich diesem Zusammenhang zu stellen, mag auch in der heutigen Debatte um eine humane und dauerhafte Lösung der Flüchtlingsfrage hilfreich sein.

Delp in seiner 1944/45 in der Haft niedergeschriebenen Betrachtung zur Vater - Unser – Bitte „Zu uns komme dein Reich”:

„Diese Bitte verlangt ... die Bereitschaft zu einer Revolution, das heißt die Bereitschaft zu einer sozialen Umwälzung, damit eine Ordnung wieder wird, die es dem Menschen ermöglicht, menschgemäß und somit gottesoffen und gottbereit zu leben. Das frömmste Gebet kann leicht zur Blasphemie werden, wenn es unter Abfindung mit Zuständen oder gar unter ihrer Förderung gebetet wird, die den Menschen töten, ihn gottunfähig machen, ihn notwendig an seinen geistigen und sittlichen und religiösen Fähigkeiten verkümmern lassen. Diese Bitte will Großes von Gott, ja letztlich ihn selbst. Sie entlässt den Menschen aber zugleich in eine große Verantwortung. Von deren Übernahme und Erfüllung hängt es ab, ob es sich wirklich um ein Gebet oder um bloßes Gerede handelt.”  (Ges. Schr. IV S. 232 f.)

Genau besehen: Die zur Lösung der Flüchtlingsfrage geforderte „Revolution” besteht darin, in der Hinwendung zu Gott zur rechten Ordnung zurück zu finden, eingeleitet mit der Frage, was denn für uns heute – die Einzelnen und die Gesellschaft – konkret den höchsten Rang in der Rangfolge der Werte einnimmt.