Erinnerungen

Pfingsten 2025

Erinnerungen an Alfred Delp

Alfred Delp schrieb an seine Mutter an Pfingsten 1928 aus Feldkirch:

… Möge Dir, liebe Mutter, der heilige Geist von der Gabe des Starkmutes schenken, damit Du all‘ die Schwierigkeiten, die Dir der liebe Gott gerade jetzt schickt, so trägst, wie es sein heiliger Wille ist…“

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Auf den Tag genau zwei Monate vor seiner Festnahme nach dem 20. Juli 1944 predigte Alfred Delp in St. Georg in Bogenhausen am Pfingstsonntag:

„Pfingsten ist einer von den Tagen, die unsere Vorfahren „hohen Tag“ nannten. Es ist kein Tag vieler Worte, sondern ein Tag, der seinen Glanz von innen her hat.

Es handelt sich nicht nur um Erinnerungen, sondern um Dinge, die an uns geschehen sollen.

Es braucht nur dies: des Menschen Herz muss sich auftun. 

Wir haben gehört vom abendländischen Menschen. Was daraus geworden ist, war der ungebundene Mensch, der aus der Furcht des Herrn ausgewandert ist.

Das Weltbild ist doch falsch, solange es nicht vor dem Herrn bestehen kann.

Die Pfingsttage sollen dieses Jahr mehr als je zuvor Tage des Betens und Bittens sein. Wir sind Menschen in Not und Schuld und Auswegslosigkeit und Ratlosigkeit. Wir wollten so klug sein ohne Gott. Nun fallen andere Feuer über uns her.

Der Geist wird kommen, den Mut euch aufrichten und ihr werdet mit mir Zeugnis geben.“

 

Und am darauffolgenden Pfingstmontag 1944 predigte er:

„Gott zeigt sich immer als Gott der Weite, dass die Enge zerbricht. Gott kann die Schmalspur nicht leiden, die engen Herzen.

Diese Weite Gottes, auch zur Begegnung mit den Menschen, die vor den Toren stehen.

Es gibt keinen Tag, den der Mensch im Namen Gottes zu scheuen hätte. „Wer aber die Wahrheit übt, der geht ans Licht“ (Joh 2,21). Es wird nicht gesagt, wer die Wahrheit hört und studiert, sondern, wer die Wahrheit tut…“

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Die Meditation über „Veni Sancte Spiritus“, die Alfred Delp unmittelbar nach seiner Verurteilung am 11. Januar 1945 zu schreiben begann, 

ist die längste Meditation, deren täglich geschriebene Kassiber hinaus in die Freiheit geschmuggelt werden konnten. Er konnte die Betrachtung der letzten vier Bitten der Sequenz nicht mehr vollenden. Sie endet mit den Worten: „Selig, die Hunger und Durst haben.“  Wenige Tage später, am 2. Februar 1945, einem Herz-Jesu-Freitag, wurde das Todesurteil gegen 15 Uhr vollzogen…

Aus der Meditation „Veni Sanctus Spiritus“ einige Ausschnitte:

„Der Heilige Geist ist der Atem der Schöpfung. Er macht uns des neuen Lebens teilhaftig und fähig. Er schafft in uns den höheren Sinn und den höheren Willen und das höhere Herz, auf dass wir glauben, hoffen und lieben  –  das heißt:  gottnah und gottverbunden leben können.

Da auf den Straßen die wärmende Nähe des Geistes zu spüren und seinen kräftigen Anhauch, das hilft ein Stück weiter. Und die Dinge haben ihre Übermacht verloren, da Gott sich rufen lässt als Gott der Fülle, der Spendung, des stärkenden Segens. Er findet Wege der Tröstung.

Das Leben hat ein Trommelfeuer der Beanspruchung auf uns eröffnet, dem wir erliegen, wenn nicht… Ja, wenn nicht von den ewigen Bergen die Hilfe sich niederbeugt. Und nicht den Menschen von innen her Kraft zuwächst, die ihn über die Dinge hinaushebt, über die toten Punkte hinweggehen heißt, durch die müden Stunden hindurchbringt.

In uns selbst strömen die Quellen des Heiles und der Heilung. Gott ist als ein Brunnen in uns, zu dem wir zu Gast und Einkehr geladen sind. Diese inneren Quellen müssen wir finden und immer wieder strömen lassen in das Land unseres Lebens. „Ich will euch erquicken“ (Mt 11,29):  das alte Herrenwort wird vom strömenden Geist Gottes eingelöst. Von innen her wird uns die Kraft und die geistige Sicherheit kommen. Wie oft habe ich dies erfahren in der Hetze und Gejagtheit dieser Monate, unter der Last und Übermacht: dass auf einmal die Frische und die Kraft von innen her aufgehen als morgendliche Sonne und die Ruhe des gebändigten Sturmes. 

Die Triumphzüge des großen Lebens wandeln sich, zuerst in harte Kriegszüge, dann in elende Bettler- und Notzüge und schließlich in endlose Leichenzüge. In dieses Notstöhnen klingt das andere, hellere und reinere Weinen der geschlagenen Unschuld, des vergewaltigten Rechts, der Menschen, die in die Kerker und Ketten der Willkür geschlagen wurden. Was zu gelingen schien, war Anmaßung, Gewalt, Eitelkeit, Krampf und Deklamation. 

Wenn ich an die Nacht in der Lehrterstraße denke, in der ich Gott um den Tod gebeten habe, weil ich diese Ohnmacht nicht mehr ertragen konnte, dieser Wucht und Wut mich nicht mehr gewachsen fühlte. Wie ich die ganze Nacht mit dem Herrgott gerungen habe und einfach meine Not ihm hingeweint habe. Und erst gegen Morgen strömte die große Ruhe in mich ein, ein beglückende Empfindung von Wärme und Licht und Kraft zugleich.

O lux beatissima. Wieder das Wort von Licht. Vom beseligenden Licht. Dass Gott sich dem Menschen zu spüren gibt als lebendige Wirklichkeit, die beglückend überfließt und einströmt. Es gibt Tage im Sommer, in denen das Licht uns als spürbarer Segen umgibt.

Und von diesen Stunden kann man leben, viele Wüstentage hindurch und viele Wüstennächte, weil das Dasein, dem dies geschenkt wurde, das stille Lächeln Gottes in allen Dingen sieht.

Gnadenlos wollten wir leben. Nur der eigenen Kraft vertrauend. So haben wir die neuen Türme bauen wollen. Die Zeit ohne Erbarmen. Die Zeit der unerbittlichen Schicksale.

Wir, die wir hineingerissen werden in den unheilvollen Sturz, den wir zu verhindern vielleicht doch nicht genug getan haben, wollen im Schicksal selbst das Schicksal überwinden, indem wir es wandeln in den Ruf nach Gnade und Erbarmen, nach den heilenden Strömen des Geistes. Nie wieder sollen die Menschen sich so über ihre Möglichkeiten täuschen und sich solches antun. Der Mensch ist nur mit Gott zusammen Mensch.

Nur muss er Ernst machen mit der Wahrheit, dass er allein eben nicht Mensch ist. Gott gehört in die Definition des Menschen. Umkehren und heimkehren bis in die konkretesten Lebensvollzüge hinein! Es gibt die großen Verderber und Verfälscher, die Frevler aus ‚Selbstverwirklichung‘, die genialen Verführer der Menschheit, die großen Entzünder der geschichtlichen Katastrophen. Sie sind fähig, ganze Generationen unter das Gesetz der eigenen Irrung zu verführen.

Man muss sich immer  an das Grundanliegen dieses Pfingstgebetes erinnern: den flehenden Dialog der armen Kreatur mit dem heilenden Schöpfergeiste. 

Es gibt die Wunden der Not, aber es gibt auch die Wunder der Not. Deswegen soll der Mensch auch in der äußersten Not die Zuversicht nicht aufgeben, weil er weiß, dass der Herrgott sein Leben mitlebt. 

Die Welt sieht von Gott her anders aus. Wenn der Glaube schwankt, die Hoffnung zerbricht, die Anbetung erstarrt, der Kleinmut sich über alles Leben breitet, dann ist es Zeit umzukehren und den Geist von innen her neu bauen und schaffen zu lassen. Oft müssen wir für viele einzelne Situationen diese heilende Bekehrung und Wandlung durchstehen. Der Mensch allein  verzagt und versagt. Allein hätte ich es schon lange nicht mehr geschafft. Schon damals in der Lehrterstraße nicht. Gott heilt. Die heilende Kraft Gottes lebt in mir und mit mir. Nur wer in der Kraft Gottes in diese Stürme gerät, wird sie in innerer Lebendigkeit bestehen, auch wenn er fällt.

Wenn ich an die Zeit denke, da ich so eingebildet war auf meine Unabhängigkeit. Es war doch nur Selbsttäuschung und Anmaßung. Die Fähigkeit zur geläuterten Begegnung mit Gott verdanke ich der erschließenden und lösenden Begegnung mit Menschen, die viel Brachland in mir zum ersten Mal unter den Pflug gebracht haben.

Der Mensch ist so viel Mensch und so groß Mensch, als er liebt. Es muss diese innerste Nähe Gottes uns ergreifen und berühren, uns über unser enges Maß hinausbringen. Gott soll in uns und durch uns sich selbst bejahen, dann leben wir richtig. Keiner durchschreite die Glut ohne Verwandlung. Lasst und die Freiheit Gottes lieben, und die Wahrheit des Geistes tun und seiner Lebendigkeit uns ergeben.

Wir haben uns als einzelne und als Kirche in den letzten Zeiten so oft vergriffen in der Art der Begegnung mit den Menschen, dass wir doch allen Grund hatten und haben, über uns selbst zu erschrecken.

Der Glaube ist der Ort der Begegnung. Wer seine Welt auf den Raum des Ergreifens und Begreifend einschränkt, der kommt gar nie in die Nähe dieses lebendigen Gottes. Der Glaube ist der erste Schritt des Menschen von sich weg zum Herrgott hin. Hier bekommt das Wort seinen Sinn: nur der Beter wird’s vollbringen. Gott hat viele seiner Verheißungen an das Vertrauen gebunden, das Menschen ihm entgegenbringen. Die Anbetung des Heiligen Geistes, der Ruf nach seiner Nähe und seinem Segen muss um so mehr und unablässiger das Gebet unserer Herzen und unserer Zeit werden.

Selig, die Hunger und Durst haben.“

 

 

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